Inhaltsverzeichnis
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Abhandlungen und Zusammenstellungen
A. Eine Pfingstbetrachtung
Was waren doch das vor zehn bis fünfzehn Jahren noch für andere Pfingsten als heute! Das Wetter war in der Woche vorher und zu Pfingsten selbst nicht immer so schön als diesmal, im Gegentheil, es war manchmal herzlich schlecht, aber wie munter sprangen nicht unsere »Peiasse« in dem Dreck umher, die sich auf den »Pfingstbieren« einfanden! was schadete es, wenn auch die Laubhütten, die man in den Dörfern aufgeschlagen hatte, einmal von Regen tropften? Die Gesichter darin sahen deshalb nicht minder vergnügt aus. Und wurde das Bier in der bekränzten Kanne, aus der man den Gästen den Willkommen zutrank, worin Adalbert Kuhn die Erinnerung an alte Trankopfer sehen will, dadurch schlechter, weil es hineinregnete?
Heute lacht die Pfingstsonne so herrlich, aber es ist stiller geworden zu Pfingsten und der laute Jubel ist mehr und mehr verstummt. Man kann das alte Leben wohl noch finden, aber es will gesucht sein. So wollen auch wir es heute suchen, indem wir uns heute am Pfingstfeste nicht sowohl in einzelnen Schilderungen, als in allgemeineren Betrachtungen in den Geist des Volkslebens versenken, dem jetzt die literarische Welt mit seinen Sagen, Märchen und Gebräuchen um so mehr Aufmerksamkeit schenkt, je mehr das Volk selbst sich diesen Dingen entwöhnt.
»Wer kann es leugnen – sagte J.W. Wolf im Vorwort seiner hessischen Sagen (Göttingen, Dietrich) – daß die Grimmschen Märchen, wie die andern Sammlungen dieser Art bis jetzt schon von einem unberechenbaren Einfluß auf die Erziehung von Tausenden waren, welche ohne sie mit jenen modischen verschrobenen Fabrikaten eines ganzen Heeres sogenannter Jugendschriftsteller für's Leben verschroben worden wären? Fragen wir die neuen Sammler von Volksüberlieferungen wer ihnen die Liebe und Freude an diesen Ueberlieferungen ins Herz gepflanzt, sie werden alle auf die Grimm hinweisen. Aber mit dieser Liebe und Freude ist noch eine andere verbunden, die an deutschem Wesen, die am Vaterländischen, und das ist ein größerer Gewinn als der wissenschaftliche, den wir aus diesen Traditionen ziehen. Sie haben die Erkenntniß des Tiefen und Sinnigen, was in unserm Volke lebt, sie luden Arm und Reich und Jung und Alt und Groß und Klein an eine und dieselbe Tafel, zu einer und derselben Kost, sie halfen den alten, fast erstorbenen Gemeinsinn wieder mehr wecken, sie waren ein Mittelpunkt, um den sich die Höchsten und Niedrigsten einten, und das werden sie mit jedem Tage mehr. Um sie, die Wundererfüllten, geschaart, lernte man das nüchterne Vernünfteln vergessen, wer ihren Geist in sich aufgenommen, den können die raffinirten Romane der neufranzösischen Schule nicht mehr befriedigen, denn arm und widerlich müssen diese Ausgeburten einer befleckten Phantasie und verdorbener Herzen erscheinen, sobald und wo unser Märchen die reinen bunten Schwingen seiner frischen duftigen Phantasie entfaltet, und im leichten Flug Sterne und Sonnen unter unsern Füßen erscheinen läßt, wenn die sinnige Sage ihre Aureolen um die Werke der Natur und der längst zum Staub zurückgekehrten Menschenhand spinnt, oder wenn der Schwank seinen kräftigen Tanz tritt und jubelnd die alte Festfreude des Volkes an unsern Augen vorüberzieht.«
Es ist wesentlich ein dreifaches Interesse, das wir an den alten Ueberlieferungen nehmen: zunächst ein rein literarhistorisches, zweitens ein ethisches und drittens ein mythologisches. Die alten Ueberlieferungen bestehen genauer bezeichnet in Sagen, Märchen, Liedern und Gebräuchen. Unter diesen haben die Sammlungen der Gebräuche so eben erst begonnen. Eine Literaturgeschichte der Sagen könnte und sollte längst vorhanden sein und fehlt wohl nur wegen der ungeheuren Ausdehnung, welche sie gewinnen würde. Da das Verständniß jeder Sage an und für sich stets ihrer mythologischen Deutung vorausgehen sollte, so wäre ein solches Werk ein dringendes Bedürfniß und würde manchen wissenschaftlichen Fehlgriff verhüten. Eine umfassende Geschichte des Märchens besitzen wir von Wilhelm Grimm. Sie reicht jedoch nur bis zum Jahre 1822 und was seitdem an Märchen veröffentlicht wurde, überwiegt nach Grimms eigener Erklärung das frühere an Gehalt bei Weitem.2) Für das Volkslied fehlt es bekanntlich nicht an mancherlei literarhistorischen Arbeiten.
Was den ethischen Gehalt der alten Ueberlieferungen betrifft, so tritt dieser am Meisten bei den Sitten und Gebräuchen hervor, aber auch bei den Sagen und Märchen. Unter den Sagen eines jeden Ortes findet man eine oder mehrere, in denen der Betrug bestraft wird, besonders wenn er von Reicheren gegen Aermere verübt ist, z.B. von einer Gastwirthin, welche den Armen die Milch mit Wasser verdünnt verkauft. Nächstdem wird auch in sehr vielen Fällen überhaupt der Uebermuth des Wohlstandes bestraft, zumal wenn er zu einer Geringachtung der Gottesgaben, namentlich des »lieben Brodes« führt. Wo solche Sagen nicht an einem Orte heimisch waren, kann man bemerken, daß das Volk sie noch in neuerer Zeit dorthin verlegt, und an bestimmte Punkte, z.B. Teiche, Erdfälle u.s.w. geknüpft hat. Gegen gröbere Vergehen protestirt die Sage nicht so häufig: Verbrecher leben nicht in jedem Dörfchen, aber gegen die alltäglichen Sünden muß überall protestirt werden. Das Märchen scheint auf den ersten Blick weniger zu moralisiren als die Sage, allein man braucht nur näher hinzusehen, um zu bemerken, daß fast jedes Märchen einen bestimmten Fehler scharf aufs Korn nimmt und aufs Unerbittlichste, mit allen nur denkbaren Mitteln bei der Wurzel auszurotten sucht. Um ein kleines Vergehen zu strafen ist im Märchen Alles erlaubt, selbst Mord und Todtschlag, – es kommt ihm eben nur auf jene Einzelnheit an.
Unter den Gebräuchen muß man unterscheiden zwischen denen, die insgeheim ausgeübt werden und denen, die das Licht nicht scheuen und gleichsam öffentliche Handlungen sind. Alles was zu den »Sitten« und Gebräuchen im letzteren Sinne gehört, sollte unter den Schutz der öffentlichen Meinung gestellt sein, und namentlich sollten die Gebildeten sich nicht es zur Aufgabe machen, es da, wo es sich noch findet, auch wenn sie es nicht verstehen, zu zerstören. Viele dieser Sitten enthalten in der That ein gutes Theil der öffentlichen Sittlichkeit, wie das Volk sie von seinen Vorfahren ererbte. Dies gilt zum Beispiel zum guten Theil von den kirchlichen Sitten, deren Sammlung von meinem Vater H.A. Pröhle begonnen wurde. Aber auch diejenigen, welche dem Volke seine übrigen Sitten entzogen haben, trugen ohne es zu wissen und zu wollen dazu bei, daß dem Volksleben der feste Grund und Boden unter den Füßen hinweg genommen wurde, kaum zu gedenken der Poesie, deren es dadurch entkleidet wird. Zu den Tänzen wurden früher Lieder von hohem Alter gesungen, und es ist noch nicht lange her, daß diese durch Bierfiedler auf den Dörfern verdrängt sind. Die alten Volkslieder sind edel und großartig, wenn auch zuweilen derb; die späteren, die jetzt vorzugsweise in den Spinnstuben gesungen werden und die der Sammler wegen des Mangels an Poesie, der sie kennzeichnet, selten berücksichtigt, sind in Bezug auf ihren sittlichen Inhalt oft bedenklich. Wenn auch unverfänglich, doch in poetischer Hinsicht wo möglich noch nichtssagender sind die Texte der Lieder, welche jetzt aus unsern Liedertafeln, Singvereinen u.s.w. ins Volk eindringen. Man kann die Verdienste dieser Gesellschaften wohl anerkennen, und doch vor ihren süßlichen Liedern von sich schnäbelnden Tauben, vor ihren in Musik gesetzten Speisezetteln u.s.w. einen höllischen Abscheu empfinden. Einsichtige Lehrer, welche solche Vereine leiten, sollten statt dieser übergemüthlichen Lieder dem jungen Geschlecht lieber eine Auswahl aus seinen alten Weisen wieder singen lehren.
Zu den Gebräuchen gehören die Spiele, besonders die der Kinder. Auch diese hat man jetzt zu sammeln und aufzuzeichnen begonnen. Wer sich von dem Werth unserer Ueberlieferungen überzeugen will, der braucht nur die Spiele, welche er an irgend einem Orte vorfindet, mit denen zu vergleichen, welche z.B. von müßigen Köpfen für die Fröbelschen Kindergärten erfunden sind. Wie einfach und doch wie mannichfaltig unter einander sind diese echten Kinderspiele, während es an Wahnwitz grenzt, wenn in jenen Fröbel'schen Spielen die Kinder z.B. das Gewitter nachäffen müssen. Dergleichen arge Verirrungen kommen in den volksthümlichen Kinderspielen nicht vor: ein von mir aufgefundenes Kinderspiel, dem offenbar ein alter Mythus vom Donar, dem Donnergott, zum Grunde liegt, natürlich ohne daß der Name des Heidengottes darin genannt wird, weiß nichts von solchem blödsinnigen Frevel und ist, wie heidnisch es auch von Haus aus ist, doch vollkommen für die Kinderwelt geeignet.
Wie bereits oben gesagt wurde, so gibt es auch bedenkliche Gebräuche, die sich der Oeffentlichkeit entziehen. Hierher gehört fast das gesammte Gebiet des Aberglaubens, wie er theils in bestimmten Handlungen, z.B. in der sogenannten Sympathie, den Besprechungen u.s.w sich zeigt. Der Aberglaube, wo er sich im Volke noch findet, besteht zum großen Theil aus Bruchstücken der heidnischen Religion unserer Vo fahren, die wir zum guten Theil uns erst wieder aus ihm durch allerlei Schlüsse construiren müssen. Er darf daher, wo es sich nicht eben praktisch um seine Bekämpfung handelt, nur noch als ein Bestandtheil der Wissenschaft betrachtet und mit dem Auge des Historikers angesehen werden. In diesem Sinne kann man ihn bei denjenigen Ständen allerdings begreifen, wo man ihn im Zusammenhange mit einer Reihe anderer Vorstellungen und namentlich mit jenen Uebertieferungen aus einer älteren Zeit antrifft, von denen bereits oben die Rede gewesen ist. Aber ein schnurrig Ding ist es um den Aberglauben unserer gebildeten Stände, der sich an Einzelnheiten anklammert, die aus jenem Zusammenhange herausgerissen sind, z.B. daß ein Traum vom Zahnausfallen einen Todesfall in der Familie bedeutet. Ja, selbst unser Tischrücken und die berühmte Klopfgeisterei, welches Alles wir hier nicht untersuchen können: was kann es denn anders sein, als der Aberglaube, der des Urgroßvaters Sorgenstuhl hinausgeworfen hat und, um wieder Mode zu werden, sich mit seiner Gesellschaft am Mahagonitische zurechtsetzt. Es ist die Geschichte vom Mephistopheles im Faust, der den Pferdefuß abgelegt hat und als Cavalier erscheint, damit er sich nur wieder sehen lassen kann. Ueber den mythologischen Werth der deutschen Sagen, Märchen und Gebräuche können wir nur kurze Andeutungen geben. Als unsere Vorfahren zum Christenthum übertraten, setzten sie zum Theil die Verehrung ihrer heidnischen Götter noch lange insgeheim fort; die Heidenapostel knüpften ihre Lehre auch wohl selbst an heidnische Vorstellungen und Gebräuche an, bauten Kirchen auf heidnischen Opferstätten (Bonifacius ließ aus der bekannten, von ihm gefällten Eiche eine Kanzel machen) u.s.w. Theils insgeheim als Aberglaube, theils auch mit dem Willen der katholischen Kirche wurden namentlich auf die Heiligen und die Mutter Maria zahlreiche heidnische Vorstellungen übertragen. So weit sie ein Bestandtheil der Religion selbst geworden waren, streifte die protestantische Kirche bei ihrer Begründung sie nachher von selbst ab durch ihr einfaches und sicheres Zurückgehen auf die Bibel. In den Marien-Cultus greifen z.B. nachweisbar da stets heidnische Vorstellungen ein, wo derselbe mit Quellen in Verbindung tritt, wie z.B. in dem Namen und den dazu gehörigen Sagen des ehemaligen Klosters Marienborn im Magdeburgischen. Weit verbreitet ist auch noch jetzt die Vorstellung von einem Opfer, das die Saale, Elbe, Bode und Holtemme auf den Johannistag verlangen, in Halberstadt herrschte oder herrscht sogar die schöne Sitte, den Johannisbrunnen auf diesen Tag zu bekränzen. Alles dies greift viel weiter (zu Johanni öffnen sich auch die alten Burgen und geben ihre verzauberten Schätze preis), als wir es in einem kurzen Aufsatze verfolgen können.
Wie trocken nun dem ferner Stehenden, gleich jeder anderen specielleren Wissenschaft, z.B. der Münz-und Wappenkunde, auch die deutsche Mythologie mitunter erscheinen mag, so wissen uns doch die Sammler der alten Ueberlieferungen, auf denen sie hauptsächlich aufgebaut ist, gar manches Drollige über die Erfahrungen zu erzählen, die sie dabei im Volke machten. Es kommt wohl vor, daß ein Schäfer vor Verwunderung einen hohen Satz in die Luft thut, wenn ein Universitätsprofessor von Göttingen, Kiel oder Tübingen sich ganz ernsthaft bei ihm nach einer Jungfrau erkundigt, die sich auf der nächsten alten Burgruine als Jungfrau mit Schlüsseln (weiße Frau) zeigt. »Herrje, glauben denn das Herrle solche alten Schnurrpfeifereien noch?« rief ein solcher einst dem Professor Meier zu. Auch mir sagte einst ein Knabe, den ich am Fuße des Hohensteins bei Neustadt nach einer solchen Jungfer fragte: Sie können dreist auf die Burg gehen und brauchen sich nicht zu fürchten. Jede Belehrung, daß das und das nicht glaubhaft sei, muß geduldig angehört werden, da der Sammler zu allererst den Bildungßstandpunkt, auf dem die betreffende Person steht, erforschen muß. Gewöhnlich findet es sich dann doch noch, daß ihre Aufklärung ein kleines »Aber« hat und daß sie wenigstens an diejenigen Sagen glaubt, die sie von älteren Verwandten gehört hat. Alles andere wird für Lug und Trug erklärt und vielleicht nur das geglaubt, was den Großeltern »selbst« geschehen sein soll. So kommt es dann freilich, daß viele unserer ältesten, schönsten und werthvollsten Sagen, die schon wegen ihres poetischen Gehaltes verdienten, fort und fort Gemeingut des Volkes zu bleiben, vergessen und dagegen die bloßen Spuk- oder Gespenflergeschichten erhalten werden. Doch werden viele ältere Sagen auch nur wieder erneuert und, weil man sie für historisch hält, stets von Zeit zu Zeit, ohne daß das Volk es merkt, in neuere Zeiten verlegt und an Personen geknüpft, die dem lebenden Geschlechte näher stehen. Namentlich werden von witzigen Personen, die durch ihren volksthümlichen Humor populär werden, zuerst. Anekdoten und Schwänke (theils solche, die sie selbst ausführten, theils fälschlich ihnen zugeschriebene) erzählt, nach ihrem Tode aber werden ihrer Popularität wegen Bann- und Zaubergeschichten und zuletzt ganz alte Mythen aller Art auf sie übertragen. Aehnlich ist es bereits mit dem alten Dessauer und mit Friedrich dem Großen ergangen und auch sonst habe ich vielsach Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie es der Humor ist, der die älteren Sagen umgestaltet und erneuert und an den sie sich bei der Erneuerung anheften. Oft trifft man noch Menschen im Volke an, die für die Sammlungen alter Ueberlieferungen eine unerschöpfliche Fundgrube sind. Während diejenigen, welche nichts wissen als einige unbedeutende Gespenstergeschichten, auf die sie insgeheim meist großen Werth legen, sich oft lange zureden lassen, bis sie ihr Herz aufschließen, betrachten jene, welche Vieles und wahrhaft Gutes wissen, es oft als ein Glück, das ihnen widerfährt, wenn sie durch ihre Mitwirkung diese Dinge erhalten helfen sollen, freuen sich beim Erzählen ihres guten Gedächtnisses und haben für den poetischen Gehalt der Sagen und Märchen ein tiefes Gefühl. So erzählte ein alter achtzigjähriger Gerichtsbote zu J. im Harz einem jungen Manne, der mich beim Sammeln unterstützte, mit wahrer Freude eine Reihe der werthvollsten Sagen und bat ihn zuletzt dringend, ihn am Abende zu besuchen, damit er noch weiter fortfahren könne. Er begann auch am Abend sogleich mit großem Eifer weiter zu erzählen, wurde aber dabei von seiner Frau und seinem Sohne unterbrochen; sie schalten ihn wegen seines Aberglaubens, hießen ihn stillschweigen und machten es ihm durch Lärmen geradezu unmöglich, weiter zu reden. Was war der Grund dieser auffallenden Erscheinung? Der Alte erzählte unter Anderem von einem gespenstischen Schimmelreiter, der dort für den Geist eines verstorbenen Amtmanns gehalten wurde und im Felde umherritt und die Früchte beschützte3). Dieser Schimmelreiter hatte einst, wie wir später erfuhren, das böse Gewissen gespielt und ein unwürdiges Mitglied der Familie des Alten aus einem fremden Kartoffelfelde, in dem es hatte stehlen wollen, unverrichteter Sache hinweggejagt. Hinc illae lacrymae! Das war das Vergehen des Schimmelreiters, darum sollte er der ewigen Vergessenheit anheim gegeben werden! Das Gesindel hatte ihm die Kartoffeln noch nicht vergeben, um die es von ihm betrogen war; es schäumte vor Wuth, weil der Alte mit einem gewissen Respect von ihm erzählte und nahm dabei die Miene der Aufklärung an, während es sich vielleicht noch heutiges Tages blos aus Furcht nicht wieder in das Bereich des Schimmelreiters getraut, um Feldfrüchte zu stehlen!…. Wir geben diese Erinnerung an die Erfahrungen, welche in unserer Gegend selbst beim Sammeln gemacht wurden, als einen Nachtrag zu dem, was wir oben über den ethischen Gehalt der Sagen bemerkten. Leicht könnten wir diese Betrachtungen über die alten Ueberlieferungen noch fortsetzen, brechen indessen hier ab in der Hoffnung, daß vielleicht schon dies Wenige einen oder den andern unserer Leser, besonders solche, die dem Volke näher stehen, veranlaßt, der Sache selbst weiter nachzudenken.
B. Ueber die Zwerge in Familiensagen
Der Vorberg, den man beim Besteigen der Harburg bei Wernigerode von Küster's Kamp aus überschreitet und welcher, ein Plateau bildend, »Rutschefort« heißt, soll diesen Namen daher haben, daß der Teufel, entrüstet über die Aufrichtung eines Kreuzes auf dem Kreuzberge, welcher nördlich von der Harburg liegt, in der Absicht, dieses Kreuz und die Kapelle zu St. Theobald zu zerstören, die Burg, welche dem Berge den Namen der Harburg gegeben, von diesem fort geschoben und über das Plateau »Rutsche fort« auf den gegenüber liegenden Schloßberg transportirt habe; doch erreichte er seinen Zweck nicht. Kreuz und Kapelle blieben verschont, der Transport der Harburg aber auf den Schloßberg veranlaßte, daß von dem Grünstein-Dyk, welcher im Thiergarten hinter dem Eingange in diesen vom Schloß- und Theobaldskirchhof sich erhebt, eine bedeutende Partie da herausgerissen wurde, wo jetzt in demselben ein Steinbruch liegt.
Wir geben diese uns nachträglich mitgetheilte Sage zur Ergänzung der Sagen von der Harburg, wie sie gedruckt sind S. 50- 53 unter Nr. 128-131 und 134; S. 55 Nr. 138-140; S. 60 Nr. 149. Zunächst ist zu bemerken, daß hier die Fortrückung des Schlosses von der Harburg nicht einem Zwerge, sondern dem Teufel zugeschrieben wird. Wie jedoch der Teufel auch nach den von uns im Texte mitgetheilten Sagen auf der Harburg zu Hause ist, zeigt besonders Nr. 137, S. 55.
Der Name Rutschefort ist entstanden aus Rochefort 4), welches eine Zeit lang als Besitzung zu Wernigerode gehörte Jedoch ist der Name Rutschefort schon so lange vorhanden, daß er als eine bloße Entstellung nicht zu betrachten ist. Vielmehr weil die Sage vom Fortrutschen des Schlosses längst bekannt war, mag Rochefort in Rutschefort übergegangen sein. Interessant ist es, daß hiernach nun wirklich ein unbedeutendes Plätzchen an der Harburg den Namen Rutschefort erhalten hat.
Die Sage, wonach Zwerge das Wernigeröder Schloß erweitert und nach dem gegenüber liegenden Berge, auf dem es noch jetzt steht, versetzt haben, wird sich vielleicht ursprünglich mehr auf das innere Wachsthum des Geschlechtes, dem Wernigerode gehörte, als auf seine Wohnung bezogen haben. Ist auch diese Sage vielleicht nicht so entstellt, als ich früher glaubte, indem ja die Zwerge auch gleich den Kobolden gewiß Haus- und Herdgeister sind, sich also auch mit den äußeren Wohnungen edler Geschlechter, nicht blos mit deren innerm Wachsthum, beschäftigen mögen, so ist doch sicherlich auf den Verkehr der Zwerge mit der Burgfrau, den die Sage nur vorübergehend erwähnt, das Hauptgewicht zu legen. Von der Sage der Harburg abgesehen, erscheinen Zwerge in manchen neuern Familiensagen, aber eben so schon in der deutschen Heldensage als Personification der menschlichen Zeugung. Nach dem Anhange des »Heldenbuchs« wußte der Zwergkönig Elberich, theils weil er nahe bei Kaiser Otnit's Vater und seiner Mutter, des Königs von Reußen Schwester, gesessen war, theils aus den Gestirnen, daß die Königin von ihrem Manne kein Kind empfangen würde. Es war ihm aber gar leid, daß sie ohne Leibeserben sterben sollten: denn er fürchtete, nach ihrem Tode böswillige Nachbarn zu bekommen, vor welchen die Zwerge, wie schon Wilhelm Grimm bemerkt hat, überall große Scheu tragen. Unsichtbar, mit einem Ringe, den er vorher an den Finger gesteckt hat und für diesen Augenblick mit übernatürlicher Stärke ausgerüstet, geht er in die Kammer der Königin und überwältigt sie gegen ihren Willen. Dann sagte er ihr, wer er sei und warum er es gethan (»durch des besten Willen«), und schenkte ihr den Ring. So ward Kaiser Otnit geboren. König Eligas von Reußen ward über seine Schwester einst gar zornig von Elberich's wegen: allein »do das Elberich befand, do bracht er sy mit synen Listen wider zu samen, das sy Freund wurden«, was vielleicht ursprünglich von einem Streit der Königin mit ihrem Gemahl berichtet sein mag, wenn gleich andererseits dessen stillschweigende Zustimmung zu Elberich's Handlung auch bedeutsam ist. Nach dem Tode seines Vaters, des Königs Otnit, nahm Kaiser Otnit »eines heidnischen Königs Tochter, zu Rachaol gesessen«, mit Gewalt, taufte sie und nahm sie zu seinem ehelichen Weibe. Aber der Heidenkönig, um sich zu rächen, sandte einen Riesen und sein Weib mit zwei bösen Würmern in Kaiser Otnit's Land. Den letzten dieser Würmer tödtete nachher erst Dietrich von Bern.
Wie Geburt und Tod, nach meinem Dafürhalten, in deutscher Mythologie und Sage in der Regel gemeinsam repräsentirt sind, so bezieht sich der Zwergring hier auf die Geburt. Aber der Ring des Zwerges Andvare (s. Wilhelm Grimm, »Die deutsche Heldensage«, S. 385) bringt Jedem Tod, der ihn besitzt. Mit Recht knüpft daher unsere heutige Sage an den Zwergring, wie an den Nibelungenhort, das ganze Verhängniß (einer Familie).
Ueberhaupt aber werden wir nicht irren, wenn wir in dem Ringe, an den das Wohl einzelner Adelsfamilien geknüpft ist, und den Ahnfrauen dieser Häuser zum Lohn dafür empfangen haben sollen, daß sie Zwerginnen bei der Niederkunft beigestanden hatten, den Ring der deutschen Heldensage sehen.
Am bekanntesten ist diese Familiensage von der Familie Alvensleben; von ihr findet sie sich bereits in den »Deutschen Sagen« der Brüder Grimm.
Nachdem in S.W. Wohlbrück's 1819 erschienenen »Nachrichten von dem Geschlechte Alvensleben und dessen Gütern« die Literatur der Sage aufgeführt ist, heißt es weiter: »In Zeiten der Kriegsgefahr hat die sichere Aufbewahrung des Ringes den alten Herren von Alvensleben manche Sorge gemacht. Einst ward er in einem Altar der Kirche zu Siepe unweit Calbe vermauert, ein anderes Mal wurde er nach Lübeck in sichere Verwahrung gegeben und eine Zeit lang war er dem Kloster Neuendorf anvertraut. Gewöhnlich bewahrte ihn in älteren Zeiten die Schloßkapelle zu Calbe, gegenwärtig befindet er sich auf dem Hause Erxleben schwarzer Seite. Einen ähnlichen, gleichfalls aus den Händen einer dankbaren Bewohnerin der Unterwelt unter ganz gleichen Umständen empfangenen Ring besaß und bewahrte ebenso sorgfältig die in ihren männlichen Gliedern im Jahre 1767 ausgestorbene mecklenburgische Familie von Negendank.«
Da sich der Zwergring hiernach in dem Dorfe Erxleben zu befinden scheint, so möge folgende Sage hier Platz finden. Im Riesen, einem Walde zwischen Erxleben und Bartensleben, ist ein gar anmuthiger Spring mit herrlichem Wasser; dort erschienen zwei Frauen auf dem Wasserspiegel, schaueten den ganzen Tag über aus der Quelle hervor und blickten dumpf brütend vor sich hin. Diese Sage setzte mein Erzähler zu einem Herrn von Alvensleben in Erxleben in eine wunderliche Beziehung, indem er, die Sage erklärend, behauptete: Derselbe habe zwei Frauen sich als Gespenster auskleiden und Tag für Tag auf den Wasserspiegel setzen lassen, um die Vorübergehenden und besonders die Hirten von dem schönen Platze an der Quelle zu vertreiben. Ich vermuthe, daß die Sage ursprünglich eine tiefer liegende Beziehung auf die Familie Alvensleben hat.
Im neunten Abschnitte meines Schriftchens »Aus dem Harze« erzähle ich die Sage von der durch Zwerge verlangten Hülfe in Geburtswehen von der Familie Asseburg (Falkenstein). Dort empfängt die Burgfrau zum Lohne drei Kugeln von Gold und drei Becher von Glas. Wird hierbei der Leser sich an Uhland's Gedicht, »Das Glück von Edenhall«, erinnern, so ist es eigen, daß einer der Becher zerbrochen sein soll, als um die Mitte des 17. Jahrhunderts zwei Junker auf das Wohl ihrer Mutter an deren Geburtstage ihn geleert hatten, die noch an demselben Tage in ihrem Wagen sitzend von einem ausgetretenen Flusse verschlungen wurden, also im Wasser starben, wo den Zwergen nahverwandte Geister wohnen, nach einer Harzsage die Zwerge selbst. Nach den »Deutschen Sagen« der Brüder Grimm mußte eine Frau von Hahn der Frau eines Wassernixes unter dem Wasser beistehen. Folgendes sei noch bemerkt. Nämlich erstlich, daß die Edelfrauen durch den Ring gewissermaßen als Schwanenjungfrauen (Valkyrien) gezeichnet werden; Wilhelm Grimm zeigte bereits in der »Deutschen Heldensage«, wie man sich durch einen Ring in Thiergestalt verwandelte; auch die sogenannten Wolfsgürtel, welche Wehrwölfe umschnallen, gehören wohl hierher. Einen solchen Ring nun nennt Notker suanerinc, »weil die Verwandlung in einen Schwan wohl die edelste und häufigste war«, bemerkt Wilhelm Grimm. Die Kette, woran in einer bekannten Sage der Schwan den Kahn zieht, auf dem der Schwanenritter kommt, der nach der Erzeugung eines der ersten rheinischen Geschlechter auf geheimnißvolle Weise wieder verschwindet, ist von Wilhelm Grimm schon dem Schwanenringe gleichgestellt, und ein mir erzähltes Kindermärchen von der Goldtochter und der Hörnentochter (Märchen für die Jugend, Halle 1854, Nr. 5) scheint dies zu bestätigen. Oft müssen auch die Ketten von verwünschten Jungfrauen abgerissen werden, bevor sie erlöst sind. – Zweitens sei bei Elberich noch an das Albdrücken erinnert, das seinen Namen bekanntlich von den Elben hat. Merkwürdig ist in dieser Beziehung die lebhafte Beschreibung von dem Besuche des Albs bei einer ältlichen Dame vornehmen Standes, welche mir in einem ältern Buche vorgekommen ist5).
C. Ueber einige Märchen und Sagen vom Hirsch
In den Zweigen der Esche Yggdrasil, deren eine Wurzel zu der Unterwelt geht, laufen vier Hirsche und benagen ihre Knospen. Auch nagt der Hirsch Eikthyrnir an den Aesten des Baumes Läradhr, der in Valhöll steht.
Nach mannigfachen deutschen Sagen verlockt ein Hirsch in die Unterwelt, die bald ein Gott, bald eine Göttin beherrscht. Vergl. K. Simrock, Handbuch der deutschen Mythologie I, S. 374. Auch W. Müller, N.S.S.S. 379.
In der Wölsunga 34 erzählt Gudrun einen Traum, worin Sigurd durch einen goldenen Hirsch angedeutet wird. Vergl. Wilhelm Grimm, Heldensage S. 394.
Sehr bekannt ist seit Kurzem das Märchen vom goldenen Hirsch, das unter Nr. 54 in Prof. Meier's Märchen aus Schwaben (vergl. auch meine Kinder-und Volksmärchen Nr. 65, der Ziehhirsch) mitgetheilt und auf den nordischen Freir, den deutschen Fro, und seine Werbung um Gerda (in der Meier nur eine andere Form der mütterlichen Erde überhaupt, »der Nerthus bei Tacitus, die schon ihrem Namen nach mit Freirs Vater, Niördr, identisch ist« sieht) bezieht, eine Auffassung der etwas Richtiges zu Grunde zu liegen scheint, wenn schon wir den Vergleich des Mythus mit dem Märchen nicht bis auf Einzelnheiten, die doch zunächst nur als Schmucksachen betrachtet werden können, ausgedehnt haben würden.
Ich halte zu diesem Märchen, worin ein Hirsch von Golde hergestellt und dadurch die Prinzessin verführt wird, zunächst St. Oswaldes Leben, wo dieser einen Hirsch von zwölf Goldschmieden mit Gold bedecken läßt, mit deren Hülfe er auch die schöne Pamige entführt. Dieser Hirsch wird aber auch unmittelbar aus dem Paradiese gesandt. (Siehe Simrock a.a.O. S. 53 und 55). Der goldene Hirsch kommt aus einer Quelle und hängt mit einem Felsen zusammen Vergl. auch meine Märchen für die Jugend Nr. 36, wo sieben Hirsche auf goldenen Ringen um die Hörner aus einer Klippe aus- und eingehen, die der Eingang zu einem verwünschten Schlosse ist. Einer der Hirsche ist eine verwünschte Prinzessin und heirathet einen von sieben desertirten Soldaten, die ihnen in die Klippe nachgegangen sind. Eine merkwürdige Variante dieses Märchens ist mir neuerdings in Ilsenburg erzählt. Danach liegt das Schloß, wo hinein ein goldener »Hirschbock« die sieben Soldaten verführt, geradezu am Brocken. In dem Schlosse hört man nur ein Geräusch, und Speisen werden hineingesetzt; für die, welche an Flucht denken, werden diese Mittags zu Stein. Sie sollen sieben Jahr bleiben und in den Gärten keine Blume abpflücken. Die Prinzessinnen, welche sie erlösen sollen, erscheinen ihnen als sieben Schlangen. Schon sind sie halb Menschen, »wie Haiderauch«, da mißglückt Alles durch Untreue und die Erlösung des »Hirschbocks« und der Schlangen glückt erst später sieben Musikanten.
Ein anderes Märchen vom goldenen Hirsch in der niederdeutschen Mundart von Ilsenburg ist von mir mitgetheilt in: »Die deutschen Mundarten. Eine Monatschrift für Dichtung, Forschung und Kritik. Herausgegeben von Dr. G. Karl Frommann, Vorstande des Archivs und der Bibliothek beim germanischen Museum.« Nürnberg, 1855. 2. Jahrgang. März und April. S. 173-176. Danach verlockt ein Zauberer in Gestalt eines goldenen Hirsches einen Grafensohn auf der Jagd und nöthigt ihn mit nach seinem Zauberschlosse zu kommen. Bemerkenswerth ist, daß die Brockengegend die Heimath dieses Märchens ist. In derselben wird auch folgendes erzählt, was geradezu zur Erläuterung des eben erzählten Ilsenburger Märchens dienen kann: Venediger verwandeln sich in einen Hirsch mit goldnem Geweih. Einst schoß ihn jemand, da lagen nur zwei Hörner da und statt des Hirsches standen zwei Venetianer da (es war am Scharfenstein am Brocken). Dort fließt ein röthliches Wasser, das sich in die Ecker ergießt.
Bei den drei Jungfern, welches drei Steine sind, die am Brocken, in der Gegend des Jacobsbruchszwischen der Hohne und der Pleßburg liegen, und dort am Brücknerstieg (vergl. S. 129) geht ein goldner Hirsch. Vor den Verfolgern ist er auf wunderbare Weise verschwunden.
Nach einer andern Erzählung verfolgen umgekehrt wie im Ilsenburger Märchen die Venediger den goldenen Hirsch. Von der Kapellenklippe weg, wo früher ein Einsiedler gehaust haben soll, von der Landmannsklippe her (von wo die Bauern im Lande Holz hauen), geht ein goldener Hirsch nach dem Brücknerstieg, geht bis an den gebohrten Stein, der zersprengt ist, und verschwindet. Der Hirsch ist ein Zwölfer, sein Geweih blitzt wie klares Gold. Die Venediger haben dem goldenen Hirsch nachgesetzt, um ihn zu fangen, und thun es noch. (Nach Andern dürfen sie die ganze Gegend nicht mehr bereisen). Wie genau der Brockenhirsch mit Goldgewinn und verzauberten Schätzen zusammenhängt, zeigt folgende Sage. Ein Mann Namens H. in Hasserode führte drei Fremde nach dem Brocken. Als sie oben waren, ging er auf den für die Fremden erbauten Thurm, sich umzuschauen und sah, daß die drei nach einem gewissen Flecke gingen, dort den Rasen aufdeckten und Päckchen herausbrachten. Er fand nachher richtig den Fleck und zeichnete ihn sich. Von da holte er mehrere Bergleute aus der Altenau auf dem Oberharze. Sie stiegen in die Grube, wo die Fahrten sechs bis acht Fuß hoch heraussahen. Alles war zugeschlossen und sie sahen, daß sie nichts bezwecken konnten. Der eine Bergmann sagte: sie wollten das Brockenbuch noch einmal durchlesen, und während dem zeigte sich ein Hirsch. Der eine Bergmann sagte: der sollte bald liegen, wenn er seine Büchse hier hätte. Der andere aber sagte: er solle nur den Hirsch gehen lassen, hier im Buche fände es sich, daß die Grube mit einem Hirsche versetzt wäre . Harzsagen S. 129-131 wird die Sage von einem aus Venedig mitgebrachten Hirsch in zwei Fassungen vom Oberharze mitgetheilt; in der zugehörigen Anm. S. 268 bis 270 wird sie dann zunächst noch von dem hannöverschen Harzorte Scharzfeld nachgewiesen und dann vorläufig schon in einer Fassung aus Meisdorf im Selkethale (Unterharz) mitgetheilt.
Die Sage vom Förster und den Venedigern wird auch, der Meisdorfer Fassung am Aehnlichsten, vom Silberborn im Kästenthal bei Thale erzählt. Indessen nirgends am nördlicheren Harze ist sie auch so verbreitet als am Brocken.
Zunächst lehnt sich auch insbesondere diese Sage an den in dieser Abhandlung schon erwähnten Brücknerstieg. Dort, wo die kleine Holtemme entspringt, soll eine Horde mit grünen Tannen belegt sein, wie öfter an Stellen, wo Venediger verkehren. Da trifft ein Jäger einen Zigeuner, der läßt Wasser in ein Sieb laufen, sie trinken dann, der Jäger schläft ein und liegt auf dem Markte in Venedig. Dort ist das Rathhausdach von Gold und Silber, ebenso sind die Dächer ringsum von Golde; ein kleiner Mann kommt, er muß mit ihm ins Haus gehen, bleibt ein paar Jahr bei ihm, trinkt wieder, geht auf den Markt und liegt endlich wieder auf der Stelle am Brücknerstieg.
Interessant ist das Vorhandensein eines Borns6), des Jägerbrunnens, an den jene Sage sich anlehnt. Eine halbe Stunde vor der Pleßburg, von der steinernen Renne aus, liegt der Jägerkopf, und am Jägerkopfe ein anmuthiges Thal, darin der Jägerbrunnen (Dreiviertelstunde vom Brücknerstieg). Neben ihm ist ein Jäger mit seinem Hunde in einen Felsen ausgehauen. Dieser Jäger war nach Venedig versetzt worden und die Jäger hatten ihm ein goldenes Halsband für seinen Hund machen lassen. Aus der Quelle sprudeln kleine gelbe Kugeln. Dorthin bestellten Venediger auch einen Hirten in der Johannisnacht. Ein Mann saß immer zwischen den Kühen, war dann wieder einmal fort und sagte endlich: Ihr Harzer seid zu dumm! Der Stein ist hier mehr werth, als die Kuh. Er gab ihm einen Stein, der war Gold, die nachher dort aufgelesenen Steine aber nicht.
Beim Jägerkopf und am Jägerborn unweit des Molkenhauses am Brocken traf ein Köhlerjunge Venediger. Sie wollten etwas aus dem Wasser ziehen. Sie gaben ihm zu essen und zu trinken. Er schlief ein und als er erwachte, war er in einem prächtigen Schlosse. Dort fand er die Venediger in anderer Kleidung wieder. Sie beschenkten ihn reichlich mit Gold, dann entschlief er und wurde wieder in seine Heimath versetzt.
In Elbingerode nennt man den goldenen Hirsch Kronen- oder Brockenhirsch, und sagt: Nicht jeder sah ihn. Der reitende Förster von Elend schoß ihn todt. Der Hirsch kam vor die Köthe der Köhler und hing mit den »Siebenkünstlern« (Venedigern) zusammen.
In allen diesen Fassungen der Sage ist unverkennbar von Bergentrübung und von einer Fahrt in die Unterwelt die Rede. Besonders bemerkenswerth ist, daß vor jeder dieser Entrückungen durch Venediger gegessen und getrunken wird; wer mit Geistern Speisen genießt entsagt dadurch dem gewöhnlichen Leben, worüber man in den N.S.S.S. 373-389 vergl. W. Müller's Abhandlung »Zur Symbolik der deutschen Volkssage«. Oft werden Schlangen verzehrt, welche auf die Unterwelt Bezug haben und Schätze bewachen7). Der Name Morgenbrodsthal8) und Morgenbrodsteinn am Brocken mag mit diesen Venedigersagen auch nahe zusammenhängen. Nach einer Sage trinkt der Jäger mit den Venedigern am Morgenbrodsteine. Den Markt von Venedig findet er mit lauter Goldstücken und harten Thalern ausgelegt. Er braucht sich blos zurück zu wünschen nach dem Morgenbrodsteine, und verkauft den erhaltenen goldenen Hirsch für »mehrere hundert Thaler.«
In manchen Fassungen der Sage wird der Hirsch auf das Schloß Wernigerode geliefert. In Schierke wird folgendes erzählt: Unter dem Brocken, südlich vom Königsbach, kam ein Jäger zu Venedigern, aß und trank mit ihnen und ward nach Venedig versetzt. In Venedig mußte er in einen Spiegel gucken, da sah er sich und seinen Hund noch am Königesbach. Danach wird wieder gegessen und getrunken, und er ist am Königesbach. Der Hirsch, den er sich hat aussuchen müssen, liegt neben ihm, und dieser ist nach dem Schlosse geliefert.
Es wird ferner erzählt von einem Jäger in Ilsenburg, der mehrmals einen fremden Mann verjagt habe bei einer bestimmten Verrichtung wie in der Fassung in den »Harzsagen«). Er ist dann auf die gewöhnliche Weise im Schlafe, gleich als würde er getragen 9), nach Venedig gekommen und hat da einen kleinen silbernen Hirsch erhalten. Daher rührt der Hirsch im Stolberger Wappen.
Eine weitere Erzählung lautet: Der goldne Hirsch steht beim Grafen in Wernigerode; der Jäger war am Scharfenstein, von dem schon in dieser Abhandlung die Rede war (vergl. auch die Sagen vom Scharfenstein S. 115 und 116, Nr. 304-308) gegangen, sah in Venedig Vögel und das ganze »Gedierze« (Gethier) in Gold. Der goldne Hirsch stand nachher neben ihm. Der goldne und der schwarze Hirsch gehen in der Sage ganz in einander über, wie folgende Sage zeigt, die zugleich zur Beurtheilung der Ilsenburger Sagen von Werth ist. Den Ritter von Ilsenburg besuchte einst ein anderer Ritter, der ihm einen schwarzen Hirsch von unvergleichlicher Schönheit mitbrachte. Davon erfuhr der Ritter zu Wernigerode und suchte den Hirsch auf jede Weise an sich zu bringen. Endlich stellte er sogar eine Jagd im Walde an, die Schützen wurden aufgestellt und der Ritter von Wernigerode stellte sich unten an's Stollenthal. Bald darauf kam ein schwarzer Hirsch aus der Dickung hervor, zog sich aber sogleich wieder zurück. Da trat eine Zigeunerin vor ihn und sprach: »Edler Herr, wenn Sie den schwarzen Hirsch lebendig haben wollen, so kommen Sie morgen mit zwei Leuten, dann werde ich ihn Ihnen übergeben.« Der Ritter stellte sich mit zweien seiner Bedienten den folgenden Tag ein, die Zigeunerin war schon da. Der Ritter von Wernigerode bekam den schwarzen Hirsch, aber da rief eine Stimme: »Nun so nehmt ihn denn hin in des Teufels Namen!« Auch war der Ritter wirklich dem Teufel verfallen und wurde von ihm auf dem Schlosse geholt. In dieser argen Entstellung haben wir bereits eine deutliche Erinnerung an den mythischen Ursprung des Hirsches im Stolberger Wappen.
Mit der eben mitgetheilten merkwürdigen Sage ist folgende zu vergleichen: Als das Kloster in Himmelspforte noch stand, hatte der Abt einen ausgestopftem Hirsch, dem er ein goldnes Gehörn hatte aufsetzen lassen. Er ließ aussprengen, an der Pleßburg ginge ein goldner Hirsch. Ein Mann Namens R………. mußte ihn ziehen – man denke an den Ziehhirsch des Märchens – mit einem Ruck hin und her. Es hieß, der Abt habe ihn im Bann und der Hirsch zeigte sich nur bei Klosterjagden. Einst kam ein Herr von Magdeburg, da zeigte sich der Hirsch zuerst beim Öhrenfelde. Dann trug R………. den Hirsch durch's Dickicht und der Magdeburger schoß R………. todt. Nachts schlief der Mann im Kloster, da kam erst ein Todtenschädel, dann kamen drei Geister mit Fackeln. Er schoß die Pistole ab, die Kugel fiel aber zu Boden, ohne zu treffen. Danach war er in einem Saal, wo zwölf Geister waren, darunter war der Abt. Er mußte schwören, binnen drei Jahren nicht zu sagen, was er gesehen. Nach drei Jahren kamen drei Geistliche zu ihm nach Magdeburg, händigten ihm einen Beutel mit Gold ein und sagten: Drei Tage möchte er noch schweigen, dann könne er alles verrathen. So that er es auch. – Der Hirsch, der umhergezogen wird, braucht nicht nothwendig die schwankartige Abschwächung der Erinnerung an die Erscheinung des göttlichen Hirsches selbst zu sein, sondern könnte vielleicht selbst die Erinnerung an die Umführung eines auf einen Cultus bezüglichen Bildes sein. Wenn wir bisher von den Hirschsagen der Grafschaft Wernigerode redeten, so theilen wir jetzt die der Grafschaft Stolberg selbst mit.
Michael Neander (1525-1595) sagt: Mons dat Stolbergae muros, insignia cervus Alter, jura comes, nomen et aera chalybs10). (Läncher, das Wappen des Grafenhauses zu Stolberg. 1836, S. 11). Vom Auersberg bei Stolberg wird die gewöhnliche Sage erzählt. Der Jäger ißt und trinkt mit einem Kroaten oder Slowaken, wie man dort die Venediger auch nennt11), liegt dann zu Venedig in einem Rennstein und muß sich wieder hineinlegen, um auf den Auersberg zurück zu kommen. Am Auerberge gehn schwarze und weiße Hirsche. Einst wird ein Hirsch einen Grafen auf den Auerberg führen, dort soll er ihn schießen und wird dann die Schätze des Auerbergs heben. Ueberhaupt ist in Bezug auf Stolberg selbst fast immer vom schwarzen Hirsche, wie er sich im stolbergschen Wappen wirklich findet, die Rede12).
Säule und Hirsch im Wappen sind durch eine gelehrte Sage, die uns um so wichtiger wäre, wenn sie die Zusammengehörigkeit von Beiden bewiese, von Otto de columna hergeleitet worden. Man findet dieselbe nach ältern Quellen bei Spener a.a.O. S. 768. Wir führen die Sage hier so an, wie Zeitfuchs sie hat in den stolbergischen Historien (1717):
»Laurentius Peckenstein setzet in seinem Theatro Sax das 564. Jahr, mit der Gelegenheit, daß zu den Zeiten Iustini Minoris Otto de columna, aus einer adligen römischen Familia, die von der Säulen genannt, sich unter dessen Kriegsvolk, so wider die Thüringer und deren rebellischen König Hermenfridum, besser Erinfridus genannt, ausgeführt, vor einen Obristen brauchen lassen, und also thätlichen verhalten, daß durch seine sonderbare Mannheit nicht allein der Thüringer König gedemüthigt, und unter der Römer Gewalt hinwieder bezwungen, besondern auch zum Schutz der Sachsen vom Kaiser als ein Statthalter der Gegend am Harze hinterlassen. Dieser habe zur Zeit, als der Kaiser in Thüringen und auf'm Hause Scheidingen (an der Unstrut, welches das älteste in den Historien, sich aufgehalten, an dem Ort, da hernach das Schloß Stolberg hingebaut, einen schwarzen Hirsch ansehnlicher Würde und Größe angetroffen, solchen durch besondere List lebendig gefangen und dem Kaiser zugeschickt, sich auch damit so wohl verdient, daß ihm und seinem Nachkommen der ganze Strich und Ort Landes, darauf der Hirsch gefangen, auf etliche Meil Weges breit und lang, verehret, und er mit einem schwarzen Hirsch im Wappen zu führen begnadiget, auch zum Grafen und römischen Judice der Gegend eingesetzt und bestätiget worden. Müßte also schon dazumal gebräuchlich gewesen sein, die Wappen an gewisse Familien zu binden. Sollen aber, so viel man aus Spangenbergen und einem alten raren Msto. hat, die Landesherren zu Stolberg unter die sächsischen Richter gezählet, und nach P. Albini's Bericht sächsischen Ursprungs sein, so sind sie älter als Otto de columna, und haben die Ehre, daß sie unter den 12 Edlen Vierfürsten des sächsischen Reichs stehen, aus welchen zur Kriegszeit Herzöge und Könige erwählt worden.« Mit dieser Nachricht stimmt nun ganz vorzüglich die Myth. S. 100 ausgehobene Stelle Witechinds von Corvei, wonach die Sachsen nach ihrem Siege über die Thüringer um 530 an der Burg Schidungen »ad orientalem portam ponunt aquilam, aramque victoriae construentes, secundum errorem paternum, sacra sua propria veneratione venerati sunt, nomine Martem, e f f i g i e c o l u m n a r u m i m i t a n t e s H e r c u l e m « u.s.w. –
Wir wenden uns jetzt wieder zu der mündlich auf uns gekommenen Ueberlieferung. Es wird erzählt: An der untersten Eiche bei der Pulvermühle, auf der Herrenwiese, nach Rottleberode zu, dicht an der Dywa soll der Hirsch geschossen sein durch Otto von der Säule, ersten Kammerdiener Kaiser Friedrich's . Als er zu Barbarossa zurückkam, sprach der: »Nun ziehe hin und baue Dich an, wo drei Gewässer (Luda, Wilda und noch ein anderes Wasser) zusammenfließen. Die Stadt hieß zuerst Stuhlberg, dann Stollenberg.«
Ferner: Den schwarzen Hirsch fing ein Stolberger zur Zeit Kaiser Friedrich's am »alten Stolberg«, welchen Namen noch jetzt eine stattliche Bergwand bei Rottleberode führt. Ferner: Graf Botho fing den Hirsch im Zwilsberge, führte ihn dem Kaiser vor und ward der erste Graf zu Stolberg. Ferner: Im »alten Stolberg« bei Rottleberode sagte ein Geist: man sollte Stolberg dahin bauen, wo es jetzt steht, und wo der schwarze Hirsch stände, sollte man den Markt hin bauen. Daher das Wappen.
Ferner: Ein weißer Hirsch blieb auf dem jetzigen Stolberger Markte stehen. Der Hirsch sagte: Hier auf dem Markte sollten sie Stolberg bauen. Ein Jahr darauf wurde »im 7jährigen Kriege« Stolberg eingeschossen und auf der jetzigen Stelle wieder erbaut. Der schwarze Hirsch (erzählen Andre, immer in Stolberg selbst), zeigt sich bei Stolberg am Hainfeldsberg, ist ein Abstamm von Rolandi und Hun, nämlich eine verwünschte Tochter von Hun. Sie vergrub ein schweres Vermögen diesseit dem Hainfelde zwischen Stolberg und dem Hanifelde. (Hier greifen die oben mitgetheilten Sagen von Eruna ein). Man findet dort eine Telle (d.i. eine Senkung im Erdboden. Bei dieser Telle zeigt sich die Riesenjungfrau als Hirsch, Bär und auch als Mensch. Viele sind dort gesteinigt und ist ihnen die Mütze genommen.
Nun sagt zwar Läncher S. 20-22 Folgendes: »Das Stolberg'sche Wappen ist ehemals nicht ein schwarzer Hirsch, sondern eine umgekehrte Hand, bisweilen auch ein getheilter Schild. Hieraus schon ergibt sich, daß die Erzählung von dem schwarzen Hirsche, welchen Otto de Colonna auf dem alten Stahlberge gefangen und dem damals zu Scheidungen gewesenen byzantinischen Kaiser Justin II, 566-578, als ein rares Wildbrät verehrt habe, worauf ihm dieser die Würde eines Grafen zu Stolberg und zum Wappen einen schwarzen Hirsch in goldenem Felde ertheilet, ein Märchen ist. Das Bild stammt im Gegentheil aus viel späterer Zeit, kommt jedoch schon vor 1347 in Urkunden vor.« Indessen verbürgen ohne Zweifel alle diese Sagen dem Stolbergischen Hirsch seinen heidnischen Ursprung, auch wenn er erst in einer verhältnißmäßig etwas späten Zeit in das Wappen aufgenommen ist, was dann wohl eben auf Grund der vorhandenen Sagen geschehen sein würde, wie ja auch auf Grund der Sagen das Bild der weißen Dame von Stolberg gemalt ist, das jetzt im Ahnensaale hängt.
Der würdige Prof. Günther Förstemann führt in seinen kleinen Schriften, Nordhausen 1855, Heft 1 an, daß auch die fränkischen Stalberge einen Hirsch mit ausgereckter Zunge im Wappen haben und nimmt dies als Verstärkung der Wahrscheinlichkeit dafür an, daß die harzischen Stolberge aus der Maingegend stammen. Dies wird, wie gesagt, nach unsren Sagen höchst unwahrscheinlich, denn es ist zu vermuthen, daß diese, vielleicht in einer weit älteren Form, die Aufnahme des Hirsches in das stolbergische Wappen veranlaßt haben, wenn gleich es auch möglich bliebe, daß die in Stolberg vorhandenen heidnischen Hirschsagen sich nur um den etwa fremd hergekommenen Wappenhirsch gesammelt hätten. Was die eigentliche mythologische Ausbeute dieser Untersuchung betrifft, so stellt sich die mit dem Hirsch in Verbindung stehende Jungfrau von Stolberg, auch die in eine Zigeunerin entstellte, mit dem Hirsch in Verbindung stehende Frau von Ilsenburg, wo sich ein Marienhof befindet, durch den Hirsch ungefähr zur Genovefa, über welche wir auf Zachers Artikel in Ersch' und Grubers Encyclopädie, 1. Sect., herausgegeben von M.H.E. Meier, 58. Theil, S. 219 bis 223 verweisen, worin es unter Anderm heißt: »Leo (der Genovefa aus dem Keltischen, durch Frau der Höhle 13) erklärt) und Müllenhoff sehen in der Genovefengeschichte Bruchstücke jener weit verbreiteten Sage, welche, bei mehren deutschen Völkerstämmen wiederkehrend, bei Angelsachsen, Franken, Langobarden, Schwaben an die Namen der Stammherren , Sceaf, Offa, Schwanritter, Siegfried, Welf sich anknüpft, und über diese hinaus weist auf den gemeinsamen göttlichen Ahnherrn, auf Wuotan, aus dessen Verbindung mit einer Walkyrie jene Stammesherren entsprossen gedacht würden. Wir werden ihnen zustimmen, ja wir werden auf Grund einiger charakteristischer Züge, die sich merkwürdiger Weise in und mit der Legende erhalten haben, noch einen Schritt weiter gehen und in Genovefa nicht blos eine Walkyrie vermuthen dürfen, sondern die Herrin der Walkyrien selbst, die große Göttin der Zwölften, Frouwa.« Hiermit ist im Allgemeinen auch die Göttin bestimmt, auf welche der Hirsch im stolbergschen Wappen weist, wenn gleich die stolbergschen Sagen vom Hirsch und von der Jungfrau uns zur nähern Bestimmung dieser Göttin selbst noch manches Licht geben dürften.
Ueber die Säule im stolbergschen Wappen kann auch meine Abhandlung de nominibus montis Bructeri et de fabulis quae ad eum mortem pertinent (Wernigerodae 1855) p. 36 et 37 verglichen werden. Was wir so eben S. 194 u. 195 beigebracht haben, zeigt deutlich, daß die Wappensäule die sächsische Irmensäule ist . Interessant ist bei dem nahen Zusammenhange von Irmen- und Rolandsäulen No. 415 die Sage von Rolandi. Ob aber der nahe Zusammenhang zwischen Säule und Hirsch im Wappen ein bloß äußerlicher ist, oder möglicher Weise tiefer liegen könnte, darüber hier Untersuchungen anzustellen, würde uns, so wichtig es wäre, weit über die Grenzen, welche diese Abhandlung sich gesteckt hat, hinausführen. Jedenfalls steht die »Riesenjungfrau« auch zur Säule in Beziehung, das zeigt S. 196 oben.
Nachschrift. Herr J. Zacher hat die Güte gehabt, mir brieflich mitzutheilen, wie eine von ihm neuerdings noch angestellte etymologische Untersuchung über den Hirsch dahin geführt hat, daß das Hirschgeschlecht, einschließlich des Elennthieres, dem Vanencultus zugehört. Er wird Mehreres zur Vanenmythologie beibringen und kann den Beweis liefern, daß die taciteische Isis einen echt deutschen Namen hat. – Das Beste über den deutschen Hirsch überhaupt steht bis jetzt in Simrocks Bertha die Spinnerin. – Bei Kuhn und Schwartz S. 187 steht folgende Sage: »Weißer Hirsch verweist die Bergleute. Am Herzberge bei Goslar hat man einmal einen Schacht anlegen wollen, weil man vermuthet, daß dort noch viel Erze verborgen seien; da ist plötzlich ein weißer Hirsch erschienen und hat zu aller Staunen vernehmlich gesprochen, sie sollten abstehen von ihrem Bemühen, denn so lange noch das Erz im Rammelsberg unerschöpft sei, so lange würde ihr Unternehmen fruchtlos sein; und darauf ist er plötzlich, wie er gekommen, wieder verschwunden.« Diese Sage zeigt wieder entschiedenen Zusammenhang des Hirsches mit Erzgewinn. Herzberg ist Hirschberg und dieser Oft, die Wiege des englisch-hannöverschen Königshauses, soll nach Harzsagen S. 181 einem Hirsch seinen Ursprung verdanken. In: Die Chorographie der Grafschaft Wernigerode, enthaltend Reden und Gedichte, welche bei dem 50jährigen Regierungsjubiläum des Grafen Christian Ernst 1760 den 11. December im Lyceum gehalten wurden, findet sich ein Gespräch von der Blasonirung des gräflichen Wappens, welches jedoch, obgleich jedenfalls unter Anleitung des bekannten Rectors Schütze verfaßt, für diese Abhandlung keine Ausbeute gibt.
D. Stellen am Harze, welche von Venedigern besucht sein sollen
Schon in den Harzsagen, S. 49, 128, 223, auch daselbst Vorwort S. XXIX-XXXI, ferner in der vorliegenden Sammlung unter No. 157, No. 323, No. 327, No. 328-330 und besonders in der vorhergehenden Abhandlung ist von den Venedigern und von dem Glauben, daß an bestimmten Stellen des Harzes Gold etc. zu holen sei, die Rede gewesen. Es scheint uns zweckmäßig, den Leser in den Stand zu setzen, diese Stellen möglichst zu überschauen. Wir folgen dabei einem in unserm Besitz befindlichen Büchlein in lang Duodez-Format mit ausgerissenem Titel14), worin sich S. 87 bis 137 folgendes findet: »DOCUMENTA oder Alte Urkunden und Nachrichtungen, wo hin und wieder im Römischen Reiche Gold- und Silber-Ertze, Gold-Körner, Wäschwerck, Seiffenwerck etc. zu finden seyn sollen. Von einem der Orten wohlkundigen und erfahrnen Metallurgo im Anfang vorigen Seculi aufgezeichnet, und nach seinem Tode also hinterlassen, jetzo aber allen Liebhabern der Metallurgie und des Löbl. Bergk-Baues zu Liebe und Dienste, so gut als sie empfangen, und aus der undeutlichen Schrifft herausbringen können, zum öffentlichen Druck befördert durch J.A.L.G.J.S.H.« In diesem Büchlein stehen S. 118-136 die betreffenden Mittheilungen über den Harz. Jedoch da S. 127-134 aus unserm Exemplare ausgerissen sind, so sehen wir uns genöthigt, auch einige Ergänzungen nach einer gleichfalls in unsern Händen befindlichen Abschrift wahrscheinlich eines Theils des Manuscripts, dem auch jener Abdruck folgt, vorzunehmen. Auf diese Art lautet der Bericht: »Nun hette von Böhmen, Schlesien und Hessen unterschiedliche Nachrichtungen, wo Silber, Amethisten, Saphir, Smaragde, Topasen etc. zu finden, weil es aber weit entlegen, an theils Orten auch sehr gefährlich, solches zu bekommen, als habe selbige vor dießmal beiseite gesetzet und ausgeschlossen; sollte aber einer oder der andere solches zu wissen verlangen, kann er sich bei mir, dem Autore dieses Büchleins nur melden, alsdenn soll ihm mit schrifftlicher Nachricht an die Hand gegangen werden. Inzwischen aber ist vor's dritte der weltberühmte und von Gott mit allerhand Ertz und Metall gesegnete Hartz, und die alldort herumliegende Städte und Oerter hiebei zu fügen, vor nöthig zu achten, denn durch diese Wissenschafft und Nachricht wohl noch mancher ehrlicher dürfftiger Mann zu einem Stück Brod und guten Mitteln kommen dürffte, daferne er sich keinen Fleiß dauren lässet. Setze demnach zum Anfang desselben die Stadt Elbingeroda, so am Hartz lieget, da frage nach einem Berg, der Morgenland heisset, und gehe im tieffen Grund das Wasser hinaufwärts, so findest du zwei Steinklippen, an derer einem ist ein Mönch gehauen,15) daselbst ist ein Stollen, da ist gediegen Goldertz inne, ein Pfund gilt gerne 112 Gülben, davon einsten ein Italiener Noth und Zehrung wegen 1 Pfd. zu Nürnberg um 106 Gülden verkaufft. Der Stollen ist mit Hürden bedeckt und vermacht, darum mußt du mit Fleiß suchen und aufräumen, so du ihn finden wilst. Darnach gehe weiter am Wasser hinaufwärts, so findest du abermahls zwei Steinklippen und zwei Mönche daran gehauen, deren einer weiset dir mit dem Finger einen Platz an, da du gediegene Goldkörner finden wirst. Noch besser hinaufwärts ist ein gestümpelter Baum, dabei ist ein Steinhauffen, den räume hinweg, so wirst du einen Stein mit einem Ring finden, den hebe auf und suche, du wirst einen Fürsten-Schatz daselbst finden. Hinter der Hartzburg in dem langen Thale stehen drei Tannen bei dem Wege, darunter ist ein Loch, in welchem eine Goldwäsche ist, die sehr gut und reich ist.
Wernigeroda. Wenn man von Wernigeroda den Bährenberg gehet, so kommt man vor zwei Sägemühlen, daselbst stehet eine Buche, die ist abgestümmelt, lehne dich mit dem Rücken daran, und siehe gegen Abend, so wirst du vier oder fünf Schritte von dem Baume ein Loch finden, darinnen schwartz Koblenertz, welches Gold und Silber hält, enthalten ist. Es soll auch ein gelber Leimen darinnen sein, der Gold halten mag. Desgl. gehe von Wernigeroda nach dem grossen Brocken, nach dem Klosterberge, nach Triebenack [Drübeck] und halte dich auf die rechte Hand des Brockens gegen das Thal, so wirst du einen Baum finden, an welchem diese Zeichen B. 7. eingeschnitten stehen, drei Schritt davon findest du das Guth mit Bohlen bedeckt, siehet aus wie Weitzen-Kleyen und ist Gold und Silber.
Brockenberg. Gehe hinter den Brocken auf die alte Straffe nach dem Morgenbrodsthale zu, in demselben Thale gehe hin, bis du wieder an zwei andere Thäler kommest, deren eines zur Rechten, das andere zur Linken lieget, bleibe du aber im mittelsten so lange, bis du an einen grossen Stein kommest. Zu demselben gehe und siehe dich um, so wirst du daran eingehauen sinden einen Mönch, der eine Keilhaue auf dem Rücken hat, derselben Spitzen nach gehe den Berg hinauf, so wirst du eine Saalweide und nahe dabei ein Loch finden, mit Wellen oder Reissig und Rasen beleget, die hebe auf und suche darinnen, so findest du Körner, die sich pletzen oder schlagen lassen und sehr gut sind, die andern aber taugen nichts. An eben selbigem Orte findet man auch einen Mönch am Wasser in Stein gehauen, gehe an dem Wasser hinan und siehe dich um, so wirst du einen Ahornbaum, der einer Kertzen gleich ist, finden, drei aus einem Stamm. Daselbst sind in einem Wiesenplatz drei Löcher, die so aussehen, als hätten sie die Schweine gewühlet, darinnen findet man Körner, die sich breit schlagen lassen. Das Pfund soll 20 Gülden kosten.
Vom Kahlen - Königsberge, wenn du nach dem Bährenberge gehen willst, an der Mittagsseite nahe an dem Bährenberge ist eine Grube, da halte du dich links, so wirst du eine Buche finden, die ist so dick, daß man sie mit zwei Armen umgreifen kann, darinnen sind Zeichen wie Sternenkelche, da gehen ihrer viele zu und haben ihre Nahrung davon. Zum ersten ist eine Ansicht, das weiset mit der Nase darauf, in der Krümme hat sie 23 Wurzeln, eine nach dem Abend, die andre nach Morgen. Zwischen den Wurzeln ist die beste Urkunde, da findest du gediegen Gold, die Grube ist mit Dornen zugedeckt. Bei dem Königsberge rechts gegen Mittag ist ein Morast, da ist Zeug inne, das wie Lerchendreck aussiehet und ist eine Horde darüber geleget, daß man es nicht merket, das Pfund hält 6 Loth, man muß sich aber vom Königsberge herabmachen, wenn die Sonne am höchsten stehet.
Bei dem neuen Schloß stehet ein Mahlstein, an welchem das Regen- und Hohensteinische Wappen gehauen ist. Zwischen diesem Mahlsteine und dem Schlosse liegt ein unterhohlter Hügel, darin ist himmelblaues Ertz, das gut Silber hält.
Ellrich. Wenn du von Ellrich auf die alte Eisenhütte gehest, da liegt unter der Glashütte eine Brücke, darüber kommst du in den Hartz; gehe allda fort, so wirst du ein alt Mauerwerck, das verwachsen ist, finden. Davon halte dich zur linken Hand etwa zwei Acker breit, so wirst du zu einer Steinklippen kommen, an derselben gehe hin und so fortan, bis du für neun der Steinklippen hin bist, dann lehne dich an die letztere und siehe zur linken Hand, so wirst du etwa drei Acker breit davon wieder eine Steinklippen sehen, da gehe hinein, so wirst du eine Fichten finden, die mit Reisig zugedeckt ist, darunter ist ein Loch, in welchem gediegen Gold zu finden ist.
Von Ellrich aus gehe man nach dem kleinen Brocken , ehe man aber dahin kommt, muß man durch ein Thal, das Suppenthal genannt, da wird man finden ein Brustbild an einem Stein gehauen, einem Mönch gleich, der weiset mit zwei Fingern, und wo er hinweiset, da lehne dich mit dem Rücken daran, so siehest du einen Stamm, daran stehet ein Schlüssel, lehne dich mit dem Rücken an den Stamm, so wirst du zwei Saalweidenbüsche sehn, daselbst schlage ein und suche, so wirst du gediegene Silberkörner finden, so sich schlagen lassen. – Gehe ferner von dem Brustbilde gleich aufwärts nach der schwarzen Schluft, halte dich nach der linken Hand und habe gut Acht, so findest du ein Brünnlein, das lässet zwei Ströme von sich, schöpfe es aus, und du findest gediegene Körner, man muß sie aber durch ein Sieb waschen, ihre Größe sind wie Erbsen. Von dannen gehe wieder aufwärts in der schwarzen Schluft hinauf, du kommst dann zu drei Eichen, dazwischen sind Löcher wie von Schweinen gewühlt, darinnen ist Wasser, das mußt du ausgießen, und du findest gediegene Silberkörner. Nicht weit von diesen Eichen findest du einen Platz und in demselben ist ein Loch mit einer Hort bedeckt, welche wieder mit Moos und Laub bedeckt ist, das nimm ab und öffne das Loch, so findest du einen Silbergang und daneben einen Schlägel und Setzeisen; da kannst du abschlagen soviel du willst, hast du genug, so lege das Zeug wieder hinein wie du es gefunden, du mußt aber ohne Betrug damit handeln, sonst hast du kein Glück damit. – Gehe aus der schwarzen Schluft über den kleinen Brocken, so kommst du an einen breiten Sumpf, der ist ganz wässerig, da findest du auch gediegene Goldkörner, du mußt sie aber mit einem Siebe von dem Schlamme reinigen.
Von der Neustadt aus ohnweit der Hartzeburg [vergl. oben] nach dem Schieferberge kommt man erstlich an ein Wasser, das die Kalbe heißt, davon gehe über die Ecker ein wenig unter das alte Mauerwerk, dann ferner über das weiße Wasser und gleich aufwärts nach dem Schieferberge, daselbst findest du schwarze Körner, die auswendig aber schön weiß und gediegen Silber und Gold sind, es ist da groß Gut vorhanden.
Von der Neustadt nach dem Nebelthale, welches bald auf voriges folgt, ist die Nürnberger Goldgrube, welche sie lange Jahre im Gebrauch gehabt, und soll 1 Pfund Ertz 100 Thlr. gelten. Ein wenig von selbigem Orte zur Rechten aufwärts ist ein guter Silbergang, bei diesen beiden Oertchen fließt ein Wässerlein, das heißt das kalte Wasser und ist nicht groß; zur linken Hand der beiden Gänge ist der Silbergang oben am Berge und der Goldgang unten am Thale.
An dem Haselbache steht auch ein Ertz, der Taubenkopff genannt, dessen Pfund 1 Thlr. gelten soll, ist nahe bei der Hartzeburg gelegen. Nicht weit davon ist auch ein Ertz, der schwartze Talck genannt, so auch gut Silber hält, stehet nicht weit vom neuen Schlosse.
Bei Braunlage ist ein Brunnen, darin ist gut Ertz. Man muß ihn aber ausgießen, so man es haben will. Gehe von demselben Ort etwa einen Musketen-Schuß weit vom Wege ab zur rechten Hand, so wirst du eine alte Kohlstätte antreffen, daselbst schlage ein, so findest du ein Eisen, das kostbare Eisen genannt, das hält Gold in allen Proben und ist leicht zu gewinnen.«
Noch liegt uns in der oben bezeichneten Abschrift, wir wissen nicht woher entnommen, Folgendes vor, was sich auf das Weingartenloch (vergl. Harzsagen S. 203-207, und die Anm. S. 296- 298) beziehen mag: »Wende dich gleich anfangs zur linken Hand, so wirst du eine Fünfe oder V finden, da steige in die Tiefe und gehe 12 Schritte fort, alsdann krieche zur rechten Hand hinein, so wirst du hinunterfahren in die Tiefe und wirst daselbst einen Stein antreffen, daran zwei Finger stehen; es ist auch ein Wässerlein daselbst, da krieche auf dem Wässerlein fort, kannst du aber nicht fort kommen, so steige den Stein hinauf und gehe gleich auf die linke Hand, da wirst du in einen schmalen Gang kommen, gehe fort, und du wirst graue Felsen antreffen, oben an denselben wird eine 5 stehen, daselbst wirst du gleich ein Loch vor dir sehen, da steig hinab und wenn du hinein bist, so krieche gleich zur linken Hand auf dem Bauche hinein über ein paar Häuser lang, gefällt dir der Gang nicht und stoßen die Mauern zusammen, so lehne dich mit dem Rücken daran und die 5 wird aufwärts weisen; dann gehe gleich fort und du wirst noch in einen schmalen Gang kommen und wird gleich am Ende daselbst ein Loch hinein gehen mit Steinen verworfen, da räume auf und wenn du solches gethan hast, so krieche hinein von ohngefähr 3 Klaftern, da steht ein Bergmann, der mit der Bicke unter sich weist, gehe dann fort ungefähr 5 Klafter, da begegnen dir 2 Bergmänner mit Grubenlichtern; fahre vorbei, sie weisen dich an die Seite, und gehe weiter fort und du wirst in einen weißen Felsen kommen, worin ein rundes Loch sein wird, da mußt du durch und kommst dann wieder in die Weite; gehe darinnen fort und du wirst dort an der Ecke einen Mönch stehen sehen, eine Bicke in der Hand habend und nach einem Wasser zeigend, und wenn du hinüberkommst nach dem Wasser ohngefähr ein gut Klafter breit, da werden Hölzer darinnen liegen; gehe hinüber, es wird zur linken Hand ein schwarzer Felsen stehn, der gemeiniglich – [hier hat die Abschrift eine Lücke]….. machst du daran was los, so wird es hell glänzen, machst du es mit dem Lichte schwarz, so wird es einen Schall von sich geben: ich fresse dich! Kehre dich aber nicht daran, sondern gehe wieder auf die linke Hand und kratze ein wenig mit der Bicke, so wird ein Stein los fallen und ein eckiges Loch durchgehen, da mußt du durch und wenn du durch kommst, so wird dort ein Mönch stehen, mit der Bicke unter sich weisend auf ein Erz, das Pfund für 30 Thlr.; wenn dir aber das nicht gut genug ist, so gehe hinunter, schreite fort und du wirst in eine Weite kommen , wo es wird so helle sein als am Tage, da wirst du einen güldenen Altar erblicken und die Felsen gediegenes Gold sein; nimm nach deinem Gefallen und vergiß die Armen nicht.«
Fußnoten 1 Nach der typographischen Einrichtung wohl aus dem Ende des 17., vielleicht auch aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts. 2 Vergleiche Harzsagen S. 71.
E. Der wilde Jäger und die Frau Holle
Die Sagen vom wilden Jäger aus dem Sagengebiete, welches dieses Buch umfaßt, wie die von der Frau Holle u.s.w. ziehen wir vor so viel als thunlich in eigenen Abschnitten zusammenzustellen, anstatt sie nach der sonst von uns gewählten Folge nach den Orten mitzutheilen.
Bei der großen Wichtigkeit der Sagen aus der Grafschaft Stolberg ist es interessant, daß dort auch der wilde Jäger ganz besonders zu Hause ist.
In Petersdorf in der Grafschaft Stolberg erzählt man: Christus kam mit dem Kreuze vor eines Juden Thür, dort zu rasten. Der aber ließ ihn dort nicht ruhen, da sprach Christus, der seiner Kreuzigung entgegen ging: »Ich will ruhen und Du sollst wandern!« Von der Zeit an ziehen umher der ewige Jude , der ewige Fuhrmann und der ewige Jäger. Der ewige Fuhrmann zeigt sich in der preußischen Grafschaft unweit Hochstädt und ruft: »Har! Har!« wie Fuhrleute thun. Gastliche Aufnahme der Götter bei ihrem Umzuge über die Erde wurde von diesen belohnt, ungastliche bestraft. Dieser Gedanke hat sich demnach vielleicht auch an Christi Kreuzesgang angeheftet. Zugleich zeigt die vorliegende Sage, wie nicht allein die Sagen vom ewigen Jäger vielleicht, sondern auch vom ewigen Juden und ewigen Fuhrmann zusammenhängen mit Mythen vom Wandern und Fahren der Götter über die Erde.
Der wilde Jäger erscheint in Stolberg mit zwei Hunden, reitend auf einem kleinen Pferde ohne Kopf. Durch das Grumschlacht (? Grubenschlacken?), ein großes Hüttenwerk, ist er hindurch geritten und man hat die Fußtapfen seines kleinen Pferdes nachher gesehen.
Auch im Walde, welcher der Jenteich heißt und wo sich in katholischen Zeiten ein Fischteich befand, hauste er. Er erschien dort einer Frau.
Ein halbes Stündchen von Stolberg, links an der Allee nach dem Eichenforst, über dem Hunnenrodt (welches angeblich Hunnenrode bedeuten soll), liegt Hätschels Wiese. An einem bei dieser Wiese entspringenden W ä s s e r c h e n zeigte sich ein braunes Pferd und ein Reiter ohne Kopf, welches der wilde Jäger gewesen sein soll. An mehreren Stellen des Wässerchens haben sich auch kleine Kinder gezeigt. Man sah zwei mit einander nackend tanzen. Auf dem Hunnrodt (vergl. auch S. 160) sind zwei große Flecken, darin soll eine Riesenjungfrau und ein Riese begraben sein. Vor mehreren Jahren wurde dort gegraben, aber nichts gefunden.
Der wilde Jäger kam in der Grafschaft Stolberg von Rodishageu her und zog wie ein Hund über den herrschaftlichen Teich nach Rottleberode zu, über's Feld.
Andere sagen: Der wilde Jäger kommt von der Aue her und zieht über Rodishagen fort nach dem Eichenforst, jetzt einem bekannten Vergnügungsorte.
Der wilde Jäger hat 6 Hündchen (andere sagen 8-12 Teckelhündchen) bei sich, die haben Schellchen an. Mit ihnen zeigt er sich z.B. am Bäckersberge. Er ist grün gekleidet und trägt den Kopf unter'm Arm.
Köhler bei Wida, was bei Braunlage (vergl. S. 152-155) und Lauterberg (vergl. Harzsagen S. 197 bis 199, 295) liegt, hatten ein Reh und sprachen, ob's wohl einen wilden Jäger gebe. Da trat ein Jäger herein und entstand vor der Köthe ein furchtbares Hundegebell und Jagen. Plötzlich wird die Köthe aufgerissen, und zwanzig bis dreißig Jäger stehen da. »Alle guten Geister loben Gott den Herrn,« sprachen die Köhler. Ich bin Hackelberg, zweifelt nicht an mir, sagte Einer der Jäger, ihr sollt alle Wochen ein Reh haben. Ich komme nur alle 50 Jahr. Der Köhlermeister gibt seine Hand, Hackelbergs Finger drücken sich ein. Im Nu ist Hackelberg umringt vom Jagdgefolge und geht gleich wieder in die Luft.
Ueber die Himmelpforte in der Grafschaft Wernigerode (vergl. S. 81-92) kam der wilde Jäger nach Veckenstedt zu und warf auf einer Wiese die Pferdelende herunter.
Die Geschichte von der Pferdelende und dem wilden Jäger soll auch vor Drübeck geschehen sein.
Vom Oberharze ist diese Sage bereits mitgetheilt Harzsagen S. 125 und nochmals S. 125; vergl. daselbst S. 12 und S. 268. Schwartz hat sie auf Blitz und Donner bezogen (vergl. W. Müller's Abhandlung »zur Sage von dem wilden Jäger«, N.S.S.S. 420).
Im Bodethale hörte ich Folgendes vom wilden Jäger: Er erscheint im Sommer, Mittags zwischen 11-12, und ruft Ohät; die Holzhacker halten dann in der Arbeit an.
Der wilde Jäger (sagt man zu Altenbrak im Bodethale), zeigte sich am Meisten im kleinen Mühlthale bei Altenbrak und zwar Aschermittwoch.
Auf dem Rübelande im Bodethale jagte der wilde Jäger auch. Er trieb Frauen aus dem Holze (vergl. Harzsagen S. 124) und warf Lenden herunter.
Verschiedene Sagen zeigen Zusammenhang des wilden Jägers mit dem Wasser (vergl. auch oben die Sage von Hätschels Wiese). Im Wasser zu Elbingerode jagt er alle 7 Jahr (wo er dann auch nach der Susenburg kommt), mit dem Kopf unter dem Arm, herauf und herunter. Sein Hund klafft.
Auch wird in Elbingerode erzählt: Der wilde Jäger zieht durch die Luft und verschwindet mit Hundegeklaff im Teichloche. Man sagt, daß die Kinder aus diesem Teichloche gezogen würden. Er patscht auch von der Mühle aus in Elbingerode.
Der wildee Jäger trank aus dem Jägerborn am Brücknerstieg. (Dies, wie auch daß am alten Stolberg, vergl. die Abhandlung über den Hirsch, der wilde Jäger zieht, zeigt den Zusammenhang der Sagen vom Hirsch aus Venedig mit dem wilden Jäger). Die dies erzählen, setzen hinzu: Der wilde Jäger fliegt in der Luft und hat einen Hund bei sich, der bellt immer.
Einst fragte der wilde Jäger irgendwo im Vorüberziehen: »Habt Ihr keinen Wagen mit 9 Mühlsteinen gesehen?«
Auf dem Berge um Goslar geht Nachts ein feuriger Mann und zeigt sich auch aus den Gebüschen. Der Aussage der Leute nach bezöge sich dies auf den wilden Jäger.
Der wilde Jäger träumte auch: ein Steinadler würde ihn nachher verzehren. Er wurde auch wirklich in den »Steinadler« zu Wülperode gebracht.
In Wülperode, in einem Zimmer des alten Amtes, liegt jede Nacht der Hund des wilden Jägers und schüttelt sich. Als Nachtrag zu der Sage vom Hackelberg, welche Harzsagen S. 10-12 mitgetheilt und S. 245-248 besprochen ist, stehe hier noch folgende Sage aus der Gegend des Hackels, welche Caspar Abel hat in seiner »Sammlung etlicher noch nicht gedruckten alten Chroniken« (1732) S. 86: »Eyn Grave to Eghelen de reyt jagen an den Hart na Wiltwarcke, unde reyth uth in des Düvels Namen, unde sprack, he wolde Wild vanghen, dat scholde ome noch Got effte de Duvel weren, do he an den Hart kam, do bejegende öme eyn swart wilt Swin, darvor vorferde sick sin Perd, dat se allbeyde stortten, unde bleven allbeyde dot, he unde sin Pert.«
Wir kommen zur Frau Holle, mit Bezug auf welche es schon von Wichtigkeit ist, zu wissen, wo sie überhaupt vorkommt. Zu Buchholz in der Grafschaft Stolberg sagt man: »Frau Wulle kommt.« Auch in Rodishayn in der Grafschaft Stolberg ist Frau Wulle bekannt. Eben so in Sorge. In Stolberg sagt man: Die Wulle. In Elbingerode sagt man: Fru Rolle. Fru Holle kommt in Elend zu Neujahr.
Siehe auch in meinem Schriftchen: »Harzbilder. Sitten und Gebräuche aus dem Harzgebirge. Leipzig, F.A. Brockhaus, 1855« den 23. Abschnitt: »Frau Holle; die Kinderbrunnen; der wilde Jäger; Stepke« (S. 76-78), wo sich bereits weitere Nachweisungen finden. Fru Wulle, sagt man irgendwo, kommt in einer bestimmten Zeit, wo man aufhören muß zu spinnen.
Sagen von Kinderbrunnen stehen in den vorliegenden unterharzischen Sagen unter Nr. 9, 10, 78, 242-245, 357, 358, 374. Vergl. auch J.W. Wolf, hessische Sagen, S. 133, 210 und 211. F. Frû Frêen, Frû Frîen, Frû Frêtchen.
Bei Kuhn und Schwarz, Nordd. Sagen, Märchen und Gebräuche, werden in dem Gebrauch Nr. 180 S. 114, (vergl. auch die zugehörige Anmerk. S. 518) die Namen Frêen, Frîen, Frêke genannt. Mir wurde zunächst (in Ilsenburg) folgender Reim mitgetheilt:
Frû Frîen
wolle gêren frîen
un konne keinen krîen,
da feng se an de schrîen.\
Auch ward in Ilsenburg erzählt:
Fru Frîen wollte immer freien in Hölzern, verbarg sich Nachts vor Regen und Schnee in Höhlen; sie ging gleich über Berg und Thal, war nicht schön und konnte Niemand bekommen, sie reiste die ganze Welt nach einem Freier aus. Hatte sie jemand, dann war er wieder fort und sie schrie furchtbar. Besonders zeigt sie sich bei Bäumlers Klippe vor Ilsenburg. Sie ging vor Sonnenaufgang aus, tödtete einen Köhlerjungen, geht über Meineberg und Westerberg. Sie spukt bis heute und zeigt sich des Abends zur Zeit der Uhlenflucht.
Andere erzählen ohne einen Namen zu nennen, unter der Bäumlers Klippe her komme eine Frau im weißen Hemde und in einer weißen Mütze und verschwinde in Kalbogens Garten. Ein Mann aus Ilsenburg ging Morgens im März ins Holz, früher als er gewußt hatte, daß es an der Zeit sei. Da begegnete ihm eine Frau in einer Haube und langen weißem Gewande. Er fragte, wohin sie wolle, und sie sagte: »Von hier nach der Haidewisburg,« welche bei Goslar liegen soll.
Anfang Juli 1855 wurde die Frû Frîen wieder von einem Burschen gesehen.
In Langeln sagt man Faßlabend: Jungens spinnt jue Dieße af, Süß kummet de Frûe Frêe Un kackt in de Heee.
Einen sehr verwirrten Bericht hörte ich zu Veckenstedt, wo man auch Frû Frêtchen sagt, von Kindern und von einer steinalten Frau. Bei der großen Wichtigkeit des Gegenstandes hebe ich dasjenige daraus, was noch den meisten Sinn gibt, hervor: Frû Frêen ist im Himmel gewesen und wurde von den Leuten um Rath gefragt. Sie hielt sich unter den Weiden bei Veckenstedt auf. Sie machte Musik, tanzte viel und fiel zuletzt ins Wasser.
Auch Märchen von Frû Frêen sind vorhanden. Ich theile zunächst eine Variante aus Ilsenburg zu dem Märchen: Horle, Horle-Wip (Märchen für die Jugend, Nr. 20) mit:
Ein armes Mädchen wollte sich vermiethen, ging deshalb näher und kam endlich auf ein königliches Schloß. Dort wurde sie gefragt, was sie denn könne. Sie sagt, sie könne Gold und Silber spinnen. Sie fragten: was sie zum Silber spinnen haben wolle, und sie sagte Roggenstroh. Sie hatte es aber nur aus Angst gesagt und konnte es nicht. Da klopfte es an die Thür und die Frû Frêe mit den groten Dume kam herein. Sie weinte und sagte, daß sie ihr Versprechen nicht erfüllen könne. Die Frû Frêe fragte: ob sie was zu leben hätte, und da aß sie Alles auf was da war, denn sie konnte sehr essen. Danach ging es immer hurr, hurr, hurr, und sie spann Alles auf. In der nächsten Nacht wollte sie wieder kommen. Das Mädchen sollte alles Essen aufheben und nun wollte sie das Gold spinnen. Auf dem Schlosse war große Freude. In der Nacht klopft es wieder und Frû Frêen kommt. Nun nimmt sie das Waizenstroh und spinnt das Gold. Sie ziehn sie ordentlich an und der Prinz heirathet sie. In der ersten Nacht aber nach ihrer Niederkunft kommt die Frû Frêen und sie muß das Kind hergeben. Deshalb wollte die Schwiegermutter den König aufhetzen, aber vergebens. Nachher bekam sie wieder einen Sohn. Da sagte die Frû Frêen, das Kind sollte sie behalten, und wenn sie rathen könne, wie sie hieße, so sollten sie ihr erstes Kind auch wieder haben. Damals stellte aber der König eine Jagd an und es fügte sich, daß er auch vor die Höhle kam, worin die Frû Frêen war. Da ging die Frû Frêen in der Höhle immer hin und her und sprach:
Hüte will ik bruen,
Morgen will ik backen,
Öwwermorgen will ik en kleinen Königssohnen haben,
Weil de jnnge Frue nicht weit,
Dat ik Pumpernelle heiß.
Pumpernelle war nämlich ihr Vorname, Frû Frêen ihr Zuname. Der König erzählte dies zu Hause und als die Königin rathen mußte, sagte sie zuletzt den Namen Pumpernelle. Danach sagte sie auch, daß sie nun bald sterben müßte. Der König solle hinaus und das Kind holen, das Kind aber solle alle ihr Gold von ihr haben. Das Gold aber hatte sie in einem großen Kasten, und das Kind mußte mit goldnem Spielzeug spielen. Ihr Sarg stand auch schon da und der König mußte ihr Begräbniß besorgen.
Auch wird Folgendes erzählt: Es war eine Frau, die wurde Frû Frêen genannt, und wohnte allein im Walde. Sie war eine Hexe und hatte eine Pflegetochter. Die Alte näherte sich mit Spinnen und spann am Tage 15 Löppe mit ihrem dicken Daume, und sagte immer:
Hurre, hurre, hurr,
All wedder 'n Lob vull.
Ihre Tochter sollte dies auch lernen. Sie schickte sie in's Holz, daß sie sich eine »Wäseke« (Wase) holte und versprach ihr einen rothen Apfel, wenn sie heimkehrte. Den gab sie ihr auch. Nun sagte sie: »Meine Tochter, komm, nun will ich Dir das Spinnen lehren.« Da setzten sie sich beide hin und das Kleine mußte immer sagen:
Hurre, hurre, hurr,
All wedder 'n Lob vull.
Die Alte hatte aber auch immer die Hand mit an dem Wocken, darum war es auch wirklich so, und war zu gleicher Zeit gehaspelt und gesponnen, und waren goldne Löppe. Das Mädchen wuchs nun und wurde groß, und es fand sich auch ein Freier dazu, der war ein Köhler, der ging zu der Alten in das kleine Haus im Walde. Die Junge bewog auch die Alte, daß sie ihre Einwilligung zu der Heirath gab, doch sagte sie: »so wie Du nicht spinnst, so habt Ihr kein Brod, denn Dein Mann wird faul werden und zuletzt nichts mehr thun wollen.« Sie sollte aber ihrem Manne nicht sagen, wie sie es machte. So hatten sie Hochzeit, lebten ganz glücklich und verdienten viel. Auch bekamen sie zuweilen Besuch von der Alten. Einst erfuhr der Mann von der Sache, da beschuldigte er seine Frau der Hexerei und wollte sie fortjagen, doch geschah dies nicht, und er hat nur von der Zeit an selbst gearbeitet.
