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IX - Hexen und Zauberer - Allgemeines
Mit den Hexen und Zauberern berühren wir die wundeste Stelle des Volkslebens; denn unendlich ist der Jammer und das Elend, welchen dieser Irrwahn im Laufe der Zeit angerichtet hat und noch immer anrichtet. Landleute, welche sich erhaben dünken über ihre Genossen, die noch von dem wilden Jäger, den Zwergen u. s. w. reden, an Zauberei und Hexen glauben sie nicht minder fest wie jene. Und was das Schlimmste bei der Sache ist, es giebt wirklich noch eine große Anzahl von Leuten beiderlei Geschlechts, welche der felsenfesten Überzeugung sind, sie könnten zaubern, und ihre Lebensaufgabe darin suchen, eine Unzahl der sinnlosesten Sprüche und Zeremonien sich anzueignen, um in der vermeintlichen Zauberkunst sich möglichst vollkommen zu machen.
Da geht ein Weib hin und gebraucht ihre Mittel, um der verhaßten Nachbarin das Vieh zu verhexen. Sie hat Giftkräuter darunter oder der Zufall will's so, die Tiere werden krank, und die Zauberin jubelt und frohlockt in ihrem Innern, daß ihre Kunst sich bewährt hat. Die geschädigte Bäuerin ahnt entweder, wer es ihr angethan hat, und hetzt das ganze Dorf gegen ihre Feindin auf, oder aber sie läuft meilenweit zu einem berühmten Schwarzkünstler, einer klugen Frau und läßt sich dort den Missethäter offenbaren und einen Gegenzauber anwenden. Ob der Zauberer nun eine rechtschaffene Person oder einen Bösewicht als den Schuldigen bezeichnet, geglaubt wird ihm immer, und manch ein unglücklicher Mensch, der an Zaubereien gedacht hat, wird dann zeitlebens von dem ganzen Dorfe wie ein Aussätziger gemieden.
Was nun das innerste Wesen der Hexerei angeht, so können wir uns darüber hier nicht näher verbreiten, es wird das vielmehr an anderem Orte zu behandeln sein, wo ausführlich die einzelnen Zauberbräuche und Sprüche Pommerns wiedergegeben werden. Nur so viel werde schon jetzt vorweg genommen, daß die meisten Züge des Hexenglaubens undeutsch und durch fremde (zum großen Teil orientalische) Beeinflussung in unser Volk gedrungen sind. Zu dem Wenigen, was unserer heimischen Mythologie entlehnt ist, gehören die Züge, in denen ein Zusammenhang der Hexen mit den elbischen Geistern ersichtlich ist, so z. B. der wunderschöne Gesang der Hexen, die Ringe, welche sie in den grünen Rasen tanzen u. s. w.
Echt deutschen Ursprungs ist auch der Glaube, daß die Hexen ans dem Blocksberg ihre Versammlungen feiern. Dabei ist nämlich keineswegs an den Harzer Brocken zu denken; nein, vor Zeiten scheint jedes Dorf oder doch wenigstens jede Gaugemeinschaft einen Blocksberg gehabt zu haben. Für Meklenburg ist das nachweisbar, und auch für Pommern kann es kaum zweifelhaft sein; denn Blocksberge finden sich in unserer Provinz in Menge vor. Mir sind im Gedächtnis Blocksberge bei Zemmin, Kreis Stolp; Sydow, Kreis Schlawe; Tempelburg, Kreis Neustettin; Ritzig, Kreis Schiefelbein; Kratzig, Kreis Fürstentum; Schwerin, Kreis Regenwalde; Soltin, Kreis Cammin; Steinwehr, Kreis Greifenhagen; Techlin, Kreis Grimmen, und ein Blocksbergsee im Kreise Saazig. Und bei genauer Nachforschung dürften sich noch viele andere auffinden lassen.
Diese Blocksberge scheinen mir im Heidentum dem Opferkultus gedient zu haben, und ihr Name ist vielleicht nur eine Entstellung aus Bloksberg, d. i. Opferberg. Später wurden sie dann, als die verhaßten Stätten heidnischer Greuel, den Hexen zu Versammlungsörtern zugewiesen, um deren Thun und Treiben der zum Christentum bekehrten Bevölkerung noch verabscheuungswürdiger darzustellen.
Angehängt sind diesem Kapitel einige Sagen über die Freimaurer, welche in dem Volksglauben eines großen Teiles von Deutschland durchaus als dem Teufel verschriebene Zauberer gedacht werden. Besonders gerne macht man sie für plötzliche Todesfälle verantwortlich und haßt sie deshalb auf das ärgste, wagt aber aus Furcht vor ihren vermeintlichen Teufelskünsten niemals Hand an irgend einen von ihnen zu legen.
Quelle: Volkssagen aus Pommern und Rügen, Ulrich Jahn, Stettin, Verlag von H. Dannenber, 1886
