Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


text:bergmaennischesageneinleitung

<<< zurück | Sammlung bergmännischer Sagen | weiter >>>

Einleitung

Im oberschlesischen Bergwerksdistrikt geboren und erzogen, war es mir von Kindheit auf eine Lust, den sagenhaften Erzählungen alter Bergleute zu lauschen. Wie herzlich froh war ich, wenn mich während der Schulferien ein Steiger der benachbarten Grube in das Bergwerk mitnahm, wenn wir dann, nachdem alle Orte befahren waren, uns in irgend einer verlassenen Strecke auf den Boden niederließen, unser mitgebrachtes Frühstücksbrot verzehrten, und er mir so allerliebste Sagen erzählte, namentlich vom Berggeist! Und wie wurde der Eindruck dieser Erzählungen noch erhöht durch die Umgebung, in der wir uns befanden!

Später wurde ich selbst Bergmann und damit wuchs mein Interesse für bergmännische Sagen selbstverständlich noch mehr. Da begann ich denn dergleichen Sagen zu sammeln, wie ich sie in Schlesien, in Sachsen, am Harz, am Rhein, in Süddeutschland und in Österreich fand, und machte dabei eigentümliche Beobachtungen über die Veränderungen, welche ein und dieselbe Sage in den verschiedenen Ländern erlitten, und über die Existenz bergmännischer Sagen in den einzelnen Gegenden überhaupt. Das Resultat meiner Beobachtungen über das Vorkommen von bergmännischen Sagen im Munde der Arbeiter war folgendes: Sie sind fast ausschließlich nur noch von Bergleuten auf Erzgruben gekannt, in Kohlenwerken nur dann, wenn in deren Nähe sich ein altes Erzbergwerk befindet, oder wenn in diesen Kohlengruben frühere Erzbergleute arbeiten. Dies hat seinen Grund darin, daß der Kohlenbergbau ein verhältnißmäßig sehr junger ist, und die Kohlenbergleute sich von dessen Beginn an aus allen möglichen andern Ständen rekrutierten, also der alten bergmännischen Traditionen völlig bar waren. Früher war der Bergmannsstand ein in sich abgeschloffener Stand. Was der Vater gewesen, wurde auch der Sohn und der Enkel, und der Sohn lernte vom Vater und lehrte wieder seinen Sohn, was er vom Vater gelernt. Daher erklären sich auch die uralten Sprachüberreste in der heutigen Bergmannssprache. So überlieferte sich alles, was auf den Bergmannsstand Bezug hatte, von Geschlecht zu Geschlecht, und natürlich auch die bergmännischen Sagen. Der eigentliche Eichenstamm also, um den sich der Epheu der Sage rankt, ist der Erzbergbau ; nur hie und da ist die Sage durch Erzberg leute auch in den Kohlenbergbau übergegangen.

In den Kohlengruben Westfalens z. B. findet man gar keine Sagen, nur eine schwache Reminiscenz an die Sagen vom Berggeiste hat sich in einer Redensart erhalten. Wenn eine Glocke (abgebauter Pfeiler ) zusammenbricht, was immer mit großem Getöse vor sich geht, sagen wohl die Bergleute mit einem gewissen Humor: „Der Kasper spuckt„ oder „der Kasper hat alle neune geworfen.“ Dagegen hat sich unter den Bergleuten auf den Kohlengruben des Beuthener Kreises (in Oberschlesien) noch eine ganze Menge bergmännischer Sagen erhalten (ja es sind unter ihnen sogar neue entstanden), weil diese Kohlengruben in der Nähe der alten Tarnowißer Erzgruben liegen, die Kohlenbergleute also mit den Erzbergleuten in unmittelbarem privaten Verkehr stehen; anderseits werden auch Erzbergleute zu den Gesteinsarbeiten in Kohlengruben herangezogen.

In absehbarer Zeit werden aber auch die leßten Reste bergmännischer Sagen unter den Bergleuten schwinden, denn der Bergmannsstand hat jezt schon fast gänzlich aufgehört ein Stand zu sein. Am deutlichsten sieht man dies in den Steinkohlenrevieren. Der Bauer, der im Winter nichts zu thun hat, der Maurer und Zimmermann, der feine Beschäftigung findet, lassen sich den Winter über als Bergleute anlegen, um nicht müßig zu sein, bis ihnen der kommende Frühling lohnendere und leichtere Arbeit über Tage bringt. Angesichts solcher Thatsachen ist es selbstverständlich, daß die bergmännischen Traditionen nicht nur unterbrochen sind, sondern daß auch die Liebe zum Bergmannsstande und seiner wunderbaren, eigenartigen Poesie jest außerordentlich geschwächt ist und bald gänzlich aufhören wird.

Während ich das Sammeln bergmännischer Sagen längere Zeit hindurch planlos zu meinem Privatvergnügen betrieb, munterte mich später mein hochverehrter Lehrer, der Professor der germanischen Sprachen an der Universität Bonn, Herr Dr. Anton Birlinger, als er zufällig einmal Einblick in meine Notizen und Skizzen bekam, dazu auf, die Sache ernstlich in die Hand zu nehmen, zu einem Ganzen zu gestalten und der Öffentlichkeit zu übergeben. Er stand mir dabei in der freundlichsten Weise mit Rat und That zur Seite. Ebenso unterstüßte mich bei meiner Arbeit Herr Stadtrat Heinrich Gerlach in Freiberg i. S. , der mir aus der Bibliothek des dortigen Altertumsvereins und aus seiner eignen viele für meine Sammlung nötige Bücher mit großem Fleiße aussuchte und zur Verfügung stellte. Auch Herr Sektionsrat Alois Schmidt in Hall in Tirol war mir durch schriftliche Mitteilungen behilflich. Diesen drei Herren spreche ich hier öffentlich meinen verbindlichsten Dank aus.

Den gesammelten Stoff habe ich in vier Gruppen geteilt: 1. Wie Bergwerke gefunden wurden, 2. Sagen vom Berggeist, 3. Sagen von den Venedigern und 4. vermischte Sagen. In diesen Gruppen habe ich dann wieder die einzelnen Sagen, so weit es möglich war, nach der Ähnlichkeit ihres Inhaltes oder nach ihrer lokalen Verwandtschaft zusammengestellt. Über die Sagen von der Auffindung von Bergwerken und über die vermischten Sagen kann ich hier füglich hinweggehen. Auch in Bezug auf die Sagen von den Venedigern will ich hier nur erwähnen, daß allen die Thatsache zu Grunde liegt, daß im Mittelalter und auch später der Chemie kundige Italiener nach Deutschland kamen und von da goldhaltige Erze, deren Wert die Deutschen gar nicht ahnten, nach ihrer Heimat führten ; daher auch die öfters vorkommende Äußerung der „ Venediger„ zu den Hirten und Bauern, denen sie unterwegs begegneten oder die ihnen den Weg wiesen : „ Der Stein, mit dem du nach deiner Kuh wirfst, ist mehr wert, als die Kuh selbst. “ Nur über die Sagen vom Berggeiste mögen hier einige Worte Platz finden.

„Der Berggeist“ ist wohl zu unterscheiden vom „Rübezahl,“ der im Riesengebirge sein Wesen treibt und ebenfalls Berggeist genannt wird. Ich möchte diesen zum Unterschiede von jenem, der nur beim Bergbau vorkommt, Gebirgsgeist“ nennen, da Rübezahl in allen Sagen über Tage, und zwar nur im Riesengebirge auftritt. ie nun die Gestalt des Berggeistes in den verschiedenen Gegenden verschieden ist, so ist auch sein Charakter ein mannigfacher; er wird in manchen Bergdistrikten zur reinen Karikatur dadurch, daß mit der Vorstellung des Berggeistes die der neckischen Gnomen und Kobolde verbunden wird. Ursprünglich ist der Berggeist ein durchaus gutmütiger Geist, er hält Ordnung und Zucht in der Grube aufrecht und bestraft deren Verlegung, er duldet kein Fluchen, kein Pfeifen,1) kein Schelten, überhaupt keinen unnüßen Lärm innerhalb seines Gebietes ; er hilft, rettet und warnt. Als solchen kennt die Sage den Berggeist jetzt. noch am Harz und in Oberschlesien, zum Teil auch im Erzgebirge. In den meisten anderen Bergdistrikten ist ihm etwas Dämonisches, boshaft Zorniges beigemengt worden.

Was die äußere Erscheinungsweise des Berggeistes anlangt, so liebt er es, in der Gestalt des Steigers oder Markscheiders aufzutreten, häufig auch als gewöhnlicher Bergmann, höchst selten in Tiergestalt (als Mäuschen, als Roß mit langem Halse und furchtbar blickenden Augen auf der Stirn , als großer schwarzer Vogel ohne Kopf). Manchmal zeigt er sich als rote oder blaue Flamme, in Tirol als grünes Männchen mit feurigen Augen, oder von ganz feuriger Gestalt. Als Bergmann oder Bergbeamter trägt er eine Grubenlampe von massivem Silber mit ungeheuer großer Flamme, an der man ihn schon von weitem erkennen kann. Auf dem Harz sieht man ihn oft als riesenhaften Mann, der, mit einer Mönchskappe und Mönchskutte bekleidet, gebückt in den Strecken einherwandelt. In den Gruben bei Scherben zeigt er sich mit großen Stulpstiefeln, gelbledernen Hosen und Blechhandschuhen, an denen vorn spißige Haken befestigt sind. Wenn er einem im Zorn damit eine Ohrfeige giebt, bleiben die Spuren dieser Hafen ewig sichtbar. „ In der St. Georgengrube bei Schneeberg erscheint er als schwarzer Mönch, in den Kamsdorfer Gruben als kleiner, dicker Mönch von garstigem Ausschen „mit Augen im Kopfe so groß wie Käsenäpfe.“ Die Verschmelzung der Gestalt des Berggeistes, der nur in Bergwerken vorkommt, mögen diese nun noch im Betriebe oder schon abgebaut sein, mit den Zwergen und Gnomen, welche verborgene Schäße in den Bergen bewachen, ist am deutlichsten erkennbar an den Knappenmandle, Gruben- oder Stollnmandle, Schacht- oder Bergzwergen, wie man sie in Tirol kannte. Sie erschienen dort in graulederner Tracht, auch als Bergknappen mit Wettermänteln, fleinen runden Hütchen oder der Spißmüße, mit langen Bärten, meist bucklig, jedoch trotz hohen Alters immer rührig und äußerst stark. Aber während sie die Gestalt der Zwerge oder Gnomen hatten, war ihr ganzes Wesen das des eigentlichen Berggeistes : sie halfen den Knappen bei der Arbeit, besonders während der Mittagszeit und nachts, sie spizten die Schürfeisen, härteten Fäustel und Bohrer, entzündeten frommen Knappen erlöschte Lichter, zeigten reiche Adern und Gänge, hielten den Einbruch wilder Wasser, den Einsturz der Stolln, das Entzünden giftiger Schwaden auf ; schlimme Knappen töteten sie durch Dünste, durch Wasser und dergleichen. Die Sage ist überall da, wo sie von Berggeistern spricht, nicht mehr rein, sondern mit der Zwergsage vermengt; die ursprüngliche Sage fennt nur einen Berggeist, der mit den Bergleuten in Berührung tritt. Auch da, wo der Berggeist die Grube verläßt und über Tage erscheint, ist die Sage schon mit der Zwergsage oder anderen Dämonensagen vermengt. Nach den alten Sagen erstreckt sich nämlich die Macht des Berggeistes nur auf die unterirdischen Räume und auf den Schacht bis zur obersten Fahrt. Wer diese erreicht, ist seiner Gewalt entrückt.

Nach den ältesten Sagen zeigt sich der Berggeist gewöhnlich, um einem Armen, Schwachen oder Verirrten beizustehen, um vor einem bevorstehenden Unglücke zu warnen, oder um von dem an einem abgelegenen Orte geschehenen Unglücke Kunde zu geben ; oft auch, um ein begangenes Unrecht zu strafen. Er hilft schwachen, kränklichen Bergleuten, die guten Willens sind zu arbeiten, bei ihrer Beschäftigung, so daß die Arbeit wunderbar schnell und erfolgreich von statten geht. Verirrte führt er auf ihren Weg zurück. Wenn jemandem das Licht ausgeht, so daß er ratlos in dem schaurigen unterirdischen Dunkel dasteht, erscheint der Berggeist und zündet ihm mit seiner Lampe. Häufig giebt der Berggeist Bergleuten, denen Inselt oder Öl auf ihrer Lampe mangelt, solches von der seinigen, und dieses nimmt dann niemals mehr ab. Bedürftigen giebt er manchmal irgend einen Stein in die Hand, der sich, sobald sie über Tage ankommen, in das reinste Gold verwandelt. In vielen Sagen erscheint der Berggeist plötzlich in Gestalt des dienstthuenden Steigers vor Ort und heißt die Arbeiter augenblicklich an ein anderes gehen. Kaum sind sie fort, so geht das verlassene Ort zu Bruche, und die Bergleute sind dem sonst unausbleiblichen Tode entronnen. Er verschwindet eben so plötzlich, wie er erscheint. Gewöhnlich tritt er aus dem sich öffnenden Gestein heraus und geht nachher in dasselbe wieder zu rück, ohne daß das geringste Merkmal daran sichtbar bleibt. In der Öffnung des Gesteins sieht man bei seinem Weggange eine Menge Gold, Silber und Edelsteine glänzen. Wenn man nun irgend ein Stück des Gezähes in die Öffnung hineinwirft, so bleibt der Gang mit all' seinen Reichtümern offen. Gewöhnlich aber sind die Bergleute von dem plöglichen Glanze so geblendet, daß sie die Augen unwillkürlich abwenden müssen und so den günstigen Moment unbenüßt vorübergehen lassen.

Der Berggeist soll früher ein Bergmeister gewesen sein, der solche Freude am Bergbau hatte, daß er auf dem Sterbebette den lieben Gott bat, er möchte ihm statt der seligen Ruhe im Himmel lieber die Erlaubnis geben, bis auf den jüngsten Tag in Gruben und Schächten umherzufahren und den Bergbau zu besichtigen. Diese Bitte sei ihm auch gewährt worden. Die Sage vom Berggeist ist so alt, wie der deutsche Bergbau selbst, ein Überrest altheidnischen Götterglaubens, der Naturkräfte und Naturerscheinungen personifizierte. Die Unzuträglichkeiten und die häufigen Unglücksfälle, die der Bergbau naturgemäß mit sich bringt, dachte man sich als den Ausfluß einer unterirdischen Macht, die man sich allmälig als den Beherrscher des unterirdischen Reiches vorstellte, als den Berggeist. Wie fest dieser Aberglaube nicht nur im Volke, sondern auch in gebildeten Kreisen wurzelte, mag folgende Stelle aus einem alte Buche der Straßburger Universitätsbibliothek (dem das Titelblatt fehlt) zeigen. Sie steht im 13. Kapitel, welches überschrieben ist: Von denen Geistern, so in Bergwercken erscheinen und Bergmännlein genannt werden.“

„Was ihr Wesen anlanget, so hat man hiervon verschiedene Meinungen. Paracelsus de Philos. occult. Tr. de homunc. subterraneis untersteht sich zu behaupten, sie wären denen Menschen nicht gar ungleich, denn er spricht: Sie haben Fleisch und Blut“ und bald darauff: „Sie sterben aber nach langem Leben.„ Doch wir haben billig Ursache an diesem Vorgeben zu zweiffeln, weil wir mit dem Herrn Rumpelio nicht glauben können, daß Paracelsus jemahls einem solchen Berg-Männlein werde zur Ader gelassen, oder eines anatomiret, oder auch zu Grabe getragen haben. Vid. Ej. Tr. von Bergmännlein § 9.“…

…p.145. „Die Erfahrung lehret, daß sie (die Berggeister) leichte sich darstellen, leichteaber auch verschwinden können, wie denn Olaus der Bischoff von Upsal in der „Beschreibung der Mitternächtigen Länder und ihrer Gebräuche“ Lib. VI. c. IX. von denen Berg-Männlein saget: Sie ruffen die Bergleute an einen Ort; wenn sie denn kommen, so ist niemand vorhanden. Folglich müssen ihre Leiber aus solcher Materie bestehen, welche leichte kan verdicket und den menschlichen Augen dargestellet, und auch leichte kan verdünnet und dem menschlichen Gesicht entzogenwerden“

„Den Ort solcher Berg - Geister anbelangend, da sie sich am meisten aufzuhalten pflegen, solches sind diejenigen Fundgruben oder Bergwercke, welche eine reiche Ausbeute zu geben pflegen, wie solches nicht nur vor diesem beobachtet worden, sondern auch noch heutigen Tages in denen Annabergischen, Schnee bergischen und auch Schmalkaldischen Bergwercken gespühret wird. Olaus hat es gleichergestalt angemerket, wenn er 1. e. spricht: „Das thun sie fürnemlich in denen reichen Bergwercken, da zu hoffen ist, daß man einen reichen Schatz finden werde. “ Doch darff man deßwegen nicht mit Trithemio meynen, als ob dieses der Ort sey, dahin sie von ihrem Schöpfer nach ihrem Falle verstossen worden, auch darff_man mit Theophrasto Meteor. c. 4. eben nicht glauben, daß sie von Gott in solche Erz-Gruben gesetzet worden, daß sie darinnen wohneten, wie wir Menschen hier auf der Welt wohnen, sondern es ist zu muthmaßen, daß sie deßwegen dergleichen Orte zu ihrem Aufenthalt erwehlen, weil sie daselbst die beste Gelegenheit haben die Menschen zu äffen und sie in Sünde zu stürzen ; denn es bleibt wohl dabei, daß der Geiß eine Wurzel sei alles Übels, und daß derjenige, welcher allzusehr nach Geiß und Reichthum trachtet, mit gar leichter Mühe auch zu allerhand Sünde könne verleitet werden ; um dergleichen Sünden mit Lust anzuschauen und nach vermögen zu befördern, findet sich der böse Geist an solchen Orten …“ Diese und die folgende Stelle zeigen uns auch, wie der ursprünglich gute„ Berggeist einen ganz andern, entgegengesetzten Charakter bekommt dadurch, daß man ihm Eigenschaften des leibhaftigen Teufels andichtet.

Bei Theophrastus,2) de occult. philos. lib. VI heißt es: „Sie (die Berg-Männlein) verkündigen auch einem den Tod, also, wo mans höret klopfen zum ersten-, zweiten- und drittenmale, so bedeutet es den Tod des Bergmanns, der daselbst seine Arbeit hat; entweder er wird von dem Bergwerke bedecket oder kommt soust um sein Leben. Das ist nun bei denen Bergleuten eine gewisse Erfahrung, und die Bergverständigen haben große Acht auf solche Dinge. Ich will hier nicht weitläufig demonstrieren, wie es möglich sey, daß solche Geister dergleichen futura contingentia, oder solche zukünftige Dinge, welche geschehen und nicht geschehen können, vorher zu sagen wissen, sondern nur kürzlich dieses melden, daß sie zuweilen gar wohl aus eigenen Kräfften ohne die Offenbarung eines andern das Todes- Stündlein solcher Bergleute wissen können. Zum Exempel, wenn dieser oder jener Bergmann durch das einfallende Bergwerk, durch Zerbrechung seiner Leiter, durch Zerreißung derer Ketten und dergleichen sein Leben endigen soll, so weiß ja der Satan, der alle Örter und Winkel penetriren und durchwandern kann, wo das Bergwerk schadhaftig, wo die Leiter oder Kette zerbrechlich, folglich kann er auch muthmassen, welchen Bergmann dergleichen Unglück betreffen werde. Doch am allerbesten weiß dieser Geist dergleichen Todesstunde derer Menschen durch Offenbarung des Höchsten, welcher wie in andern Fällen, also auch in diesen sich des Dienstes der bösen Engel bedienen und sie zwingen kan, daß sie diesen und jenen, welchen Gott dergleichen Gnade erweisen will, sein instehendes Todesstündlein anzeigen und durch dreymaliges Anklopfen ankündigen müssen; denn daß der leidige Satan aus eigener Bewegung der gleichen vornehmen sollte, ist daher nicht glaublich, weil uns Sterbliche in dieser Welt nichts mehr erschrecken, den Lauff unsrer Sünden nichts besser hemmen und zu unsrer Busse uns nicht eher erwecken kan, als wenn wir uns versichern können, daß das Stündlein unsres Todes vorhanden und das Ende unsres Lebens nicht mehr weit entfernt sey. … Daraus ist also zu schließen, daß solche Geister wider ihren Willen aus Gottes sonderbarer Vorsehung Boten des Todes und ungewöhnliche Bußwecker sein müssen, durch welche die sonderbare Langmuth des Höchsten verhindert, daß solche Seelen nicht allzuschnell von dem Tode übereilet und also leicht in Verzweifflung gestürzet werden.“ (p.151.)

Wir sehen, wie fest sich die damalige Zeit in den Aberglauben verrannt hatte und welch lächerlich-spitzfindige Untersuchungen auf der Grundlage dieses Aberglaubens angestellt wurden. Anders dachte man schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Joseph von Sperges schreibt in seiner „Tyrolischen Bergwerksgeschichte.“ Wien 1765, p.70:

„Wenn dem noch vorhandenen Berichtschreiben eines gewissen Hildeprand Lappi, Abgesandten der freien Stadt Florenz, zu trauen und selbiges nicht vielmehr wegen so vieler abgeschmackten Fabeln, womit es angefüllt ist, für ein eitles Gedicht zu achten wäre, so glaube ich, daß die Untersuchung des Landes, welche der gedachte Florentiner mit dem Schwarzkünstler (Necromantico ) des Herzogs von Kärnten, so vermuthlich der vorgenannte Heinrich war, in Tyrol vorgenommen hatte, in bergmännischen Absichten geschehen, und unter dem Namen der großen Schäße, welche nach seinem Vorgeben in Inspruck und Brunecken und in der Gegend von Seben unter der Erde verborgen liegen und von Teufeln bewachet sein sollten , reiche Erztgänge und edle Klüfte zu verstehen wären. Die dumme Unwissenheit und Einfalt desselben Weltalters machte alle Märchen geradeweg glauben. Also ging zur Zeit des vorgedachten Heinrichs der Ruf in Tyrol, daß es im Laude Bergmännchen gäbe, die mit den Menschen Umgang hätten, mit ihnen äßen, spielten u. s. f. Der Chronikschreiber will den Leser, daß es keine Blenderey, noch ein falscher Wahn gewesen, überreden und seine Erzählung mit dem Zeugnisse des Bischofs Matthaeus zu Brixen und vieler andrer glaubwürdiger Personen bewähren. Die ganze Fabel muß von den Bergknappen ihren Ursprung gehabt haben. …„

Jetzt existiert dieser Aberglaube selbst unter den Arbeitern nur noch hie und da in schwachen Köpfen, die durch ihre namentlich religiös falsche Erziehung zum steifen Festhalten an so wahnwitzigen Dingen förmlich geschult sind. Daß er aber auch in unserer aufgeklärten “ Zeit noch nicht völlig geschwunden ist, das findet jeder erklärlich, der sich einmal in einem größeren, tiefen Bergwerk allein befand, in dem schauerlichen Grabesdunkel, welches von dem winzigen Grubenlichte, das er in der Hand trägt, nur auf wenige Schritte zurückgedrängt wird, in der schauerlichen Grabesstille, die nur unterbrochen wird von dem feisen, unheimlichen Geräusch des Wassers, das hie und da aus den Klüften des Gesteins hervorrieselt, und von dem dumpfen Widerhall der Tritte. Wer sich in solcher Umgebung, viele hundert Fuß tief unter der Tagesoberfläche, einsam befindet, der erfährt es an sich selbst, wie rege die menschliche Phantasie in solcher Lage spielt, und begreift es, wie der Aberglaube von der Existenz eines Berggeistes in dem Hirn schlichter Bergleute entstehen konnte und noch bestehen kann.3) Folgende wahre Geschichte mag dies deutlicher machen.

In der Nähe der früheren freien Bergstadt Tarnowitz giebt es eine Anzahl Eisenerzgruben. Da das Vorkommen dieses Erzes dort kein gang- oder lagerartiges, sondern ein nesterartiges ist, sind auch die Anlagen dieser Bergwerke sehr einfach. Es werden kurze Schächte und von diesen aus kurze Abbaustrecken getrieben; das gewonnene Material wird vermittelst eines Haspels heraufgezogen. Ist das Nest abgebaut, so verläßt man den Schacht und treibt in der Nähe desselben einen zweiten 2c. Da Sonntags nicht gearbeitet wird, deckt man am Samstag abends die Schachtöffnung, über welcher sich nur sehr selten eine Holzbaude zum Schuße der Arbeiter vor Wind und Wetter befindet, mit Brettern zu, damit niemand, der sich dem Schachte unberufen nähert, hineinfällt. An einem Morgen früh um 5 Uhr versammelten sich einst die Bergleute an einem solchen Schachte, um einzufahren. Die Häuer lagerten sich im Grase und erzählten von den Erlebnissen des Sonntags, während die Schlepper sich um die Einfahrt drängten. Es war nämlich dort Sitte, daß die Schlepper zuerst einfuhren, dann erst die Häuer. So stieg nun ein Schlepper nach dem andern die steilen Fahrten hinunter.

Als der erste unten ankam, blieb er erschreckt stehen, denn deutlich hörte er rasche Schritte, die dem Schachte näher kamen, „klipp klapp! klipp klapp!„ als wenn jemand in Holzpantoffeln daher gelaufen käme, und dabei ein höhnisches, lautes Lachen.

„Der Berggeist ! der Berggeist !“ schrie aus Leibeskräften der Schlepper, und der Berggeist ! „ schrieen seine Kameraden über ihm und fuhren mit solcher Eile wieder aus, daß es schier zu verwundern war, daß sich dabei niemand den Hals brach.

Bleich und zitternd vor Schrecken erzählten sie oben den Häuern, daß der Berggeist unten sein Wesen treibe, sie hätten ihn deutlich lachen gehört und gemerkt, wie er dem Schachte zu gelaufen sei. Die Häuer, die das ganze für einen Scherz hielten, schimpften anfangs auf die Schlepper und drohten ihnen mit Schlägen, als sie aber die Jammergestalt des Burschen sahen, der zuerst eingefahren war, da lachten sie über seinen Aber glauben und hielten Spottreden : es gäbe ja gar keinen Berggeist; die Schlepper sollten nur wieder einfahren. Aber diese weigerten sich, allein hinunterzugehen, und forderten, daß ein Häuer zuerst einfahre. Alles Drohen und Schelten der Häuer half nichts, bis einer von ihnen sich wirklich dazu verstand, zuerst einzufahren. Die Schlepper folgten ihm und mußten sich während der Fahrt manches grobe Wort von dem über solch thörichten Aberglauben erzürnten Häuer gefallen lassen. Der Häuer kam unten an, hinter ihm ein Schlepper nach dem andern ; aber kaum hatte er ein paar Schritte von der Fahrt weg gethan, da hörte auch er das „klipp klapp! klipp klapp!“ und jenes heisere Hohngelächter. Starr vor Schrecken konnte der Häuer kein Wort herausbringen und folgte ganz mechanisch den entsetzt wieder nach oben fliehenden Schleppern. „Der Berggeist! der Berggeist!“ ertönte laut das Angstgeschrei aus dem Schachte zu den oben Wartenden herauf.

Nun lachten die Häuer nicht mehr über den Aberglauben der Schlepper, als sie den Bericht ihres Kameraden vernahmen. Heiner von ihnen wollte einfahren. Sie gingen zum Steiger, um ihm dies mitzuteilen und ihn zu ersuchen, sie auf einem anderen Schachte anzulegen. Aber dieser, ein noch junger, hitziger Mann, empfing sie mit einer gewaltigen Strafrede und drohte jedem mit sofortiger Entlassung, der die Arbeit nicht wieder auf demselben Schachte aufnähme. Er selbst wollte ihnen zeigen, welch) dummem Aberglauben sie sich hingegeben hätten und wie lächerlich sie als gereifte Männer sich dadurch machten. Was sollte man denn von den jungen Schleppern erwarten, wenn sie, die alten Bergleute, nicht besser wären?!

Ob solchen Worten fühlten die Bergleute sich beschämt, fühlten ihren Stolz, ihre Ehre angegriffen und damit wuchs ihnen auch wieder der Mut. Und als der Steiger sein Grubenlicht zur Hand nahm, folgte ihm eine ganze Anzahl Häuer auf der Fahrt nach. Schweigend stiegen sie in die dunkle Tiefe hinab, nur der junge Steiger donnerte und polterte noch hin und wider in seinem Ärger über die Arbeiter.

Er kam unten an, hob sein Grubenlicht in die Höhe und senkte es tief bis an den Boden, um alles genau zu übersehen, er bemerkte nichts. Doch, was war das? Lachte da nicht jemand in der dunklen Strecke so höhnisch ? Oder war es etwa einer der Arbeiter? „Ruhe!„ befahl der Steiger, dem es nun auch sonderlich zu Mute wurde, den Bergleuten, welche sich ängstlich um die Fahrt drängten: „keiner räuspere sich!“

Das höhnische Lachen wiederholte sich, es kam aus einer Strecke, ja, man hörte jezt sogar ganz deutlich, wie jemand aus der Strecke dem Schachte zulief; man hörte das Geräusch eiliger Schritte klipp klapp, klipp klapp!„

Der Steiger faßte seinen ganzen Mut zusammen. Er glaubte immer noch an die Möglichkeit einer Täuschung. Die Bergleute, zitternd vor Furcht und halb gelähmt, machten Miene nach oben zu entfliehen, aber der Steiger verhinderte das. „Keiner rühre sich von der Stelle ! “ rief er ihnen zu.

Nun ging er selbst in die Strecke hinein, aus der die Tritte und das Lachen erschollen. Sie famen immer näher; manchmal nur schien es, als ob sie langsamer würden oder als ob der Eilende über etwas stolperte, dann aber war das höhnische Lachen noch stärker. Dem Steiger pochte vor Erregung das Herz, als wollte es ihm die Brust zersprengen. Da plößlich sieht er die Umrisse einer Gestalt sie werden deutlicher er unterscheidet einen Kopfmit zwei großen Augen, einem langen Barte und zwei Hörnern! Da war es aus mit seiner Fassung, und „der Berggeist! der Berggeist!„ in der furchtbarsten Angst rufend wendet er sich um und eilt zur Fahrt. Hier entsteht nun ein schreckliches Gedränge, jeder der Bergleute will zuerst hinaus und der arme Steiger steht ganz hintenan. Und als der lezte Bergmann vor ihm die Fahrt besteigt, hört er den Berggeist schon unmittelvar hinter sich, er glaubt seinen heißen, giftigen Atem zu spüren und wagt es nicht sich umzudrehen. Es wird ihm schwarz vor den Augen, und wie er selbst den Fuß auf die erste Sprosse der Fahrt seßt, giebt ihm der Berggeist mit seinen Hörnern einen heftigen Stoß in die Kniekehle, so daß er zurückfällt und besinnungslos am Boden liegen bleibt. Ein heiseres, höhnisches Lachen tönte den Schacht hinauf.

Leichenblaß, mit zu Berge stehenden Haaren kamen die Bergleute oben an, und nun war niemand mehr zu halten: alle liefen davon, nach dem Zechenhause zum Obersteiger. Sie erzählten ihm, was sie gesehen, wie der Berggeist den Steiger gefaßt und Gott weiß was mit ihm angefangen habe. Sicherlich sei ihm mindestens der Hals umgedreht worden wegen seines Spottes. Sie aber wollten sich lieber sofort aus der Arbeit jagen lassen, als noch einmal in den verwünschten Schacht einfahren.

Der Obersteiger, ein alter ehrwürdiger Herr mit schneeweißem Kopf- und Barthaar, … lächelte. „Wartet nur noch ein Viertelstündchen, dann will ich euch eine Antwort geben, die euch gewiß befriedigen wird. “

Er nahm sein Grubenlicht zur Hand und fuhr allein ein. Niemand wagte ihm zu folgen. Unten an der Fahrt fand er den Steiger besinnungslos am Boden liegen, neben ihm … einen Ziegenbock, der ihm freudig entgegenmeckerte.

Der Schacht war, wie oben schon erwähnt, nicht tief. Am Samstag hatten die Arbeiter vergessen ihn mit Brettern zuzudecken, und so war ein Ziegenbock, der in der Nähe weidete, hineingefallen. Unten im Schachtsumpfe hatte sich Wasser angesammelt, und der Ziegenbock fiel so glücklich, daß er sich, von einigen Quetschungen abgesehen, keinen Schaden zufügte. Nun war das Tier in den dunklen Grubenräumen herumgelaufen, um irgendwo einen Ausgang zu finden. Da nun die Strecken in ihrer Mitte mit Brettern belegt waren, um das Schieben der Karren zu erleichtern, hatten die Tritte des Ziegenbocks auf diesen Brettern jenes eigentümliche Geräusch verursacht, und die Phantasie hatte aus seinem Gemecker mit Leichtigkeit ein höhnisches Lachen “machen können.“

Der Obersteiger legte den Ziegenbock in den Förderkübel und band ihn darin fest, weckte den Steiger aus seiner Betäubung (der im ersten Augenblicke den bärtigen Obersteiger wieder für den Berggeist hielt) und fuhr mit ihm aus. Oben angekommen ließ er den Kübel mit dem Haspel heraufzichen und zeigte den Bergleuten den vermeintlichen Berggeist. „

Beschämt fuhren sie ein und gingen an ihre Arbeit, noch beschämter aber war der Steiger, der vorher so mutig gewesen war und so scharfe Spottreden gegen den Aberglauben gehalten hatte.

Meine Sammlung bergmännischer Sagen, die erste, welche es überhaupt giebt, soll zunächst dem Bergmann eine unterhaltende Lektüre für seine Feierstunden bieten und die Liebe zu seinem Stande erhöhen. Sie dürfte aber in Verbindung mit dem in den Anhängen gegebenen Materiale auch dem Sagenforscher einiges Intereffe abgewinnen.

Auf absolute Vollständigkeit macht sie ebensowenig wie jede andere Originalsammlung, die keine Vorarbeiten benußen kann, Anspruch. Sollten daher einem meiner geehrten Leser bergmännische Sagen bekannt sein, welche in diesem Büchlein nicht enthalten sind, so bitte ich ihn höflichst, mir dieselben mitzuteilen, um sie bei einer eventuellen weiteren Auflage der Sammlung einreihen zu können.

Zell i. W. (Großherzogtum Baden), den 1. Juli 1882.

Der Herausgeber

1)
Das Verbot des Pfeifens in der Grube, welches die Sage vom Berggeiste selbst ausgehen läßt „damit er nicht im Schlafe gestört werde,“ soll in Thüringen aufgekommen sein Nach alten Berichten hat es in den dortigen Gruben in Gestein eingeschlossene giftige Gase gegeben. Wenn das Gestein durch den beim Abbau entstehenden Druck einen Spalt bekam, zwängten sich die bösen Wetter durch diesen engen Spalt hindurch, und so entstand ein schrilles Pfeifen. Dies war das Zeichen für die Bergleute, sich schleunigst zu retten. Um nun dieses von der Natur gegebene Rettungszeichen, dieses charakteristische Pfeifen nicht mit dem menschlichen Pfeifen zu verwechseln, und so unnötige Aufregung zu ersparen, soll man das Pfeifen unter Tage den Bergleuten streng untersagt haben. Von Thüringen kam dieses Verbot auch nach Schlesien, wo man es auch gegenwärtig noch, selbst in einzelnen Steinkohlengruben, kennt
2)
Ebenfalls in dem erwähnten Buche der Straßburger Bibliothek citiert.
3)
Fühlt sich ja doch selbst mancher gebildete Mensch, wenn er abends oder nachts allein durch einen Wald geht, schon unbehaglich, und sieht doch selbst ein solcher dann wohl einen krummen Baumftamm für einen lauernden Raubmörder an.
text/bergmaennischesageneinleitung.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1