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sagen:werra387

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Das verwunschene Schloß am Baier

a. Das verwunschene Schloß am Baier stand am Hahl (Haal), am Wege von Oberalba nach Oechsen zu. Vor Jahren waren noch die Keller zu erblicken, und Schatzgräber haben vielfach ihr Glück dort versucht. Ein Mann von Oberalba sah, als er um Mitternacht da vorüber mußte, das Schloß. Eine Schaar wildaussehender Jäger mit langen Bärten und Spinnewebengesichtern saß vor demselben und zechte an einer Tafel, die hell beleuchtet war.

b. Von dem Schlosse auf dem Baier erzählt die Sage Folgendes: Einstmals hütete die bildschöne Tochter des Kuhhirten von Unteralba ihre Heerde am Baier, da bemerkte sie, daß sich mehrere Tage hintereinander eine Kuh von der Heerde entfernte und in dem Walde verlor, Abends jedoch vor dem Nachhausetreiben regelmäßig wieder einstellte. Als das Mädchen dem Thiere einmal eine Zeitlang durch den Wald nachging, sah sie zu ihrem größten Erstaunen, wie die Kuh durch das offene Thor eines prächtigen Schlosses in den Hof trabte. Das Mädchen, das nie etwas von dem Schlosse gehört und gesehen hatte, blieb einen Augenblick erschrocken stehen, faßte sich dann aber bald ein Herz und sprang der Kuh durch das Thor nach. Kaum war sie in den Schloßhof getreten, als ihr ein stattlicher Junker entgegentrat, sie bei ihrem Namen nannte und mit gar einschmeichelnden Worten fragte, ob sie nicht geneigt sei, ihn zu ihrem Eheherrn zu nehmen und in dem prächtigen Schlosse da zu wohnen. Das Mädchen betrachtete den schönen Junker und schlug ein. Hocherfreut führte sie dieser nun in das Schloß und zeigte ihr all die prachtvollen Gemächer und die kostbaren gold- und silberdurchwirkten Kleider, so daß ihr Herz vor Luft und Freude aufjauchzte. Als dies der Junker gewahrte, wiederholte er seine Frage, knüpfte aber diesmal die Bedingung daran, daß, wenn sie dies Alles und noch viel mehr besitzen wolle, sie ihm zu ihrem beiderseitigen Glücke noch fest geloben müsse, ihm eine Reihe von Jahren, es komme, was da wolle, durchaus nicht zu zürnen. Das Hirtenmädchen ging freudig auf Alles ein. Sie wurde nun sofort in die kostbaren Gewänder gekleidet und lebte als Edelfrau herrlich und in Freuden. Auch gebar sie dem Junker nach einander zwei bildschöne Knaben.

Sie liebte ihren Eheherrn so sehr, daß sie ihm selbst nicht zürnte, als er ihr jedes der Kinder bald nach der Geburt derselben, während sie schlief, wegnehmen ließ. Doch als sie den dritten Knaben zur Welt gebracht hatte und ihr auch dieser, wie die übrigen eines Morgens genommen war, da empörte sich aus Liebe zu ihren Kindern ihr Herz, so daß sie auch selbst ihr Gelöbniß vergaß und ihrem Gemahl auf seine Frage, ob sie ihm noch nicht zürne, ein heftiges: „Ja„ zur Antwort gab. Kaum war dies über ihre Lippen, als den Junker eine gar große Traurigkeit befiel, in welcher er ihr kund that, daß von nun an ihr beiderseitiges Glück auf immer dahin sei. Vor vielen, vielen Jahren nämlich sei das Schloß mit allen Bewohnern verwünscht und verflucht worden. Durch sie allein, wenn sie ihrem Gelübde treu geblieben wäre, hätte der Bann gebrochen werden können und sie ihre drei Kinder wieder zurückerhalten. Nun aber sei Alles verloren. Die Hirtentochter verfiel hierauf in einen tiefen Schlaf, und als sie erwachte, befand sie sich wieder in ihren alten Kleidern einsam in dem Walde.

Quellen:


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