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Vom Hexenmeister zu Roßdorf
„Meine Mutter,“ begann Einer aus Roßdorf, „hat uns Kindern gar vielmal erzählt, daß in unserm, Orte ehemals Einer lebte, der mehr konnte als Brod essen, denn er machte, wenn er es wollte, sich und Andere unsichtbar und die Diebe, die ihn bestehlen wollten, fest. Das ist freilich schon lange her, denn meine Mutter war in der vergangenen Schneidernte 82 Jahr alt und zu jener Zeit war sie noch ein blutjunges Mädchen. Sie und noch 5 bis 6 ihrer Kameraden nahm der Hexenmeister einmal mit in's Holz in den Wiesenthaler Forst. Dort stellte er eins der Mädchen nach dem Förster auf die Lauer. Dann ging's an die Arbeit. Es war eine wahre Luft, wie die dicksten Aeste krachten und stürzten. Sie hatten bald dicksatt Reißig und wollten eben ihre Hockeln zusammenbinden. Da kam die Kleine vom Posten her und rief: “„Der Förster! der Förster !“„ Der Hexenmeister aber lachte dazu, hieß sie um ihn herumtreten und verbot ihnen, auch nur einen Mucks zu thun, der Förster möchte machen, was er wollte.
Darauf rechte der Hexenmeister die Arme über sie aus und brummte allerlei unverständliche Worte. So standen sie mäuschenstill, als der Förster kam. Aber da hätte einmal ein Mensch hören sollen, wie die Flüche und Donnerwetter regneten, als er die Verwüstung gewahr wurde. Ich glaube, er hätte sie alle massacrirt, wenn der Alte sich und die Mädchen nicht unsichtbar gemacht hätte. So aber mußte er, ob gleich sie ihm dicht vor der Nase standen, mit dem Ranzen voll Aerger wieder abziehen, und sie trugen die schönsten Hockel dann heim.
Einmal hat der Alte aber auch die Mädchen gerückt. Sie waren ihm in die Kirschen gerathen, doch kaum saßen sie auf den Bäumen, so merkten sie auch schon, daß sie fest waren, und so mußten sie die ganze Nacht hindurch unter Heulen und Jammern auf einem Fleck sitzen, bis der Alte am andern Morgen kam und die Kirschendiebe entdeckte. Zuerst that er gar nicht, als ob er ste sähe, und wie er sie noch eine Weile hatte zappeln lassen, löste er den Bann und schickte sie darauf mit einem gehörigen Schelter und den Worten: “„Wäret Ihr's nicht, so hätte ich Euch bis zum jüngsten Tag da droben sizen lassen“„, nach Hause. Ein Glück für die Mädchen aber war es, daß er grade noch dieselben Kleider trug, die er damals auf dem Leib hatte, als er den Bann aussprach, sonst hätten sie noch so lange warten müssen, bis er die wieder angezogen hatte, denn in andern Kleidern kann so Einer den Bann nicht lösen.“
Quellen:
