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sagen:vsfreiburg31

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St. Ottilien

  „Ansichten der Stadt Freiburg und ihrer Umgegend.“ Acht Kupfertafeln 
  mit Text Hft. II. Nr. 3. St. Ottilien. 
  „Freiburg mit seinen Umgebungen“ von H. Schr. III. Aufl. Mit neun 
  Stahlstichen, einem Plane der Stadt und einer Karte der Umgebung. S. 421. ff. 
  „Kaum über eine andere Stelle der Umgebung Freiburgs, ist ein höherer Zauber der 
  Natur verbreitetet; kaum ladet eine andere mehr zum Besuche, mehr zur 
  Wiederkehr ein.“

Das Glöcklein läutet aus der Waldkapell’
Zum Himmelsfrieden aus dem Weltgewühle,
Und nieder steig’ ich zu dem Wunderquell
In des umgitterten Gewölbes Kühle.
Da wird die alte Zeit mir offenbar,
Ich wasche mir die Augen wieder klar;
Zurückversetzt bin ich in ferne Tage,
Lebendig wird mir dieser Berge Sage.

Fort ist jedwede Spur von Menschenhand;
Das Kirchlein ist, die Quelle mir verschwunden,
Nichts seh ich mehr, als eine Felsenwand,
Ringsum nur Wald, dicht von Gesträuch durchwunden.
Ich höre keinen Laut, als nur ganz weit
Den Schlag der Drossel durch die Einsamkeit,
Sonst überall ein feierliches Schweigen. –
Da rauschts und knisterts plötzlich in den Zweigen.

Und eine holde Jungfrau stürzt hervor,
Scheu wie ein Reh und bleich wie eine Lilie,
Und kniend schreit zum Himmel sie empor:
„O Mutter Gottes, rett’, o rett’ Ottilie!
Dicht hinter mir sind die Verfolger her,
Die wunden Füße tragen mich nicht mehr;
O rette mich vor dem verhaßten Freier,
Und hülle gnädig mich in deinen Schleier.“

So ruft sie kaum, als aus des Waldes Grund
Wildjubelnd Ritter mit Gefolge dringen;
„Hier ist sie.“ ruft es roh von Mund zu Mund,
„Das scheue Bräutchen kann nicht mehr entspringen!“
Und fassen will sie schon der wilde Hauf;
Ein Donnerschlag. – Da springt die Felswand auf,
Ottilie fliegt hinein, und wie zum Spotte
Schließt sich der Felsen wieder vor der Rotte.

Und an dem Orte, wo die Wand sich schloß,
Entspringt dem Felsen murmelnd eine Quelle;
Die Männer schrei’n: „Des Herren Macht ist groß!“
Und fallen betend nieder an der Stelle.
Ein Jeder wäscht die trüben Augen klar,
Und fühlt sich umgewandelt wunderbar;
Bald ist der Quell gefaßt, der Platz gelichtet,
Und ein Altar der Heiligen errichtet.

Quelle: Heinrich Schreiber, Die Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau und ihrer Umgegend, Druck und Verlag von Fr. Xav. Wangler, 1. Auflage von 1867


sagen/vsfreiburg31.txt · Zuletzt geändert: von ewusch