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Eine Frau als Werwolf
Hoyerswerda
In einem Dorfe nicht weit von Hoyerswerda lebte einst eine Familie, in welcher die Frau, trotzdem der Mann nicht viel verdiente, stets in Hülle und Fülle Fleisch auf den Tisch brachte. Das fiel dem Mann endlich auf. Er konnte sich schliesslich nicht enthalten, die Frau zu fragen, wo sie das Fleisch herhabe. Die Frau war bereit, ihm das zu zeigen, sie sagte aber, er müsse sich ihren Anweisungen fügen. Ihr Mann versprach das.
Darauf führte sie ihn auf das Feld und zeigte ihm dort eine Schafheerde. Darauf sagte sie: „Siehe genau zu, was sich zuträgt. Aber was auch immer geschehen mag, Du darfst meinen Namen nicht nennen.“ Darauf zog die Frau einen Ring aus ihrer Tasche, steckte ihn auf den Finger und verwandelte sich alsobald in einen Wolf, der Wolf brach sofort in die Heerde ein, ergriff ein Schaf und entfloh damit. Der Hirt machte sich mit seinen Hunden auf die Verfolgung des Wolfes. Schon waren die Hunde dem Wolf so nahe, dass der Mann fürchtete, sie würden ihn ergreifen, da rief er in seiner Angst den Namen seiner Frau. Sogleich verwandelte sich der Wolf: seine Frau, von aller Kleidung entblösst, stand auf dem Felde. Da ward es offenbar, dass sich die Frau in einen Werwolf verwandeln konnte.
Quelle: Edmund Veckenstedt: Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche. Leuschner & Lubensky, Graz 1880
