<<< | Sagen aus Thüringens Vorzeit, den drei Gleichen, dem Schneekopf und dem thüringischen Henneberg | >>>
Die Jungfrau mit dem Zopf, eine andre Sage
Ein junger, etwas leichtfertiger Graf von Henneberg wurde von seinem Vater sehr streng gehalten, und weil ihm das nicht in die Länge gefiel, so machte er sich auf und ging davon, und Niemand wußte, wo er hingekommen war. Er war aber nach Würzburg zu einem sehr reichen Kaufmann gekommen, hatte vorgegeben, er sei eines Bürgers Sohn, und war als ein Diener bei dem Kaufmann geblieben. Dieser hatte eine sehr schöne Tochter, und es währte gar nicht lange, so hatte der junge Graf mit ihr ein heimliches Liebesverständniß. Auf einmal erscholl die Nachricht, daß der Graf von Henneberg, Burggraf von Würzburg, gestorben sei; das hörte der Sohn und weinte bitterlich. Der Kaufmann befragte ihn um die Ursache feines heftigen Weinens, und er sprach: Wißt ihr denn nicht, daß der Graf von Henneberg gestorben ist? Dieser ist mein Vater gewesen! Darüber erschrack der Kaufmann über alle Maßen, daß er den Sohn des mächtigen Grafen und den Erben eines großen Landes wie einen Knecht gehalten und oft auch hart und streng angelassen, fiel ihm zu Füßen und bat ihn um Verzeihung. Der junge Graf hob ihn auf und dankte ihm für alles Liebes und Gutes, das er in seinem Hause genossen, und da der Kaufmann in ihn drang, er möge sich irgend etwas von ihm zum Angedenken erbitten, so bat der Graf um die holde Tochter zur Gemahlin. Freudig wurde diese ihm zugesagt, und nach einer festgesezten Frist sollte sie dem Grafen, ihrem künftigen Herrn und Gemahl, zugesendet werden. Der Graf lobte sich mit ihr und fuhr gen Henneberg, die reiche Grafschaft in Besitz zu nehmen. Als aber seine Vettern und Anverwandten in Römhild, Schwarza und anderwärts von seinem Verlöbnis hörten, sagten sie ihm, daß er eine ebenbürtige Gemahlin heimführen müsse, außerdem er an der Grafschaft Henneberg nichts zu suchen habe, und beredeten ihn dadurch, eine andre Wahl zu treffen. Zur festgesezten Frist, oder einige Zeit danach, kam die Kaufmannstochter mit großen Schätzen, und nun erging es ihr, wie die vorhergehende Sage von der Königstochter erzählt. Sie riß ihren Zopf aus, baute die Brücken bei Untermaßfeld, Obermaßfeld und die bei Veßra über die Schleuße, und kam in ein Dorf, wo man sie tröstete. Dort hat sie ein Nonnenkloster gestiftet und es Troststatt geheißen.
Quellen:
- Ludwig Bechstein - Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes, Meiningen und Hildburghausen, 1857, Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung
