Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


sagen:tss3343

<<< | Sagen aus Thüringens Vorzeit, den drei Gleichen, dem Schneekopf und dem thüringischen Henneberg | >>>

Das Rasenkreuz

Dicht am Fußweg von Meiningen nach Rohr, wenn man das zweite Wäldchen hinter sich hat, findet sich zur rechten Hand in den Hutrasen ein Wahrzeichen eingegraben.

Aus dieser Ursache: vor dreißig und einigen Jahren ging der alte Hirschwirth von Meiningen, aus Rohr, wo er Geschäfte hatte, nach Hause zurück. Wie er vor Rohr den Berg hinanstieg, hörte er lange andauerndes Glockengeläute; einige Weibspersonen begegneten ihm, und er scherzte mit ihnen, und fragte auch, was denn das lange Läuten in Rohr bedeute? - Darauf ward ihm zur Antwort: Es wird jemand aus der Gemeinde begraben. Ei das is ja schů1), sprach der Mann: bann ig dehemm sterr2), werd nett gelütt u nett getütt3), möcht ag ze Ruhr begrabe wär4).

Damit ging er seines Weges, und wie er hundert Schritte etwa von jenen hinweg war, mit denen er gesprochen, fiel er um und war tod. Er ist mit Sang und Klang zu Rohr begraben worden.

An jener Stelle aber, wo der Tod also unversehens seinen Wunsch erfüllen half, gruben hüthende Schäfer das obige Zeichen ein, das ein Gottesackerkreuz darstellen soll, wie sie in Thüringen üblich sind, unten ein Block, der in die Erde kommt, oben darüber ein Wetterdächlein, und dieses Rasenkreuz erneuern sie von Jahr zu Jahr getreulich zum immerwährenden Gedächtniß, wie dort bei Heldburg das Kreuz zum Andenken eines Erschlagenen auf dem Rasen blos von zusammengelegten Steinen stets vom Volk erneuert wird, wie oft auch der Zufall es zerstöre.

Quellen:


1)
schön
2)
daheim sterben
3)
geläutet und getütet (trompetet)
4)
werden
sagen/tss3343.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1