Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


sagen:tss3206

<<< | Sagen aus Thüringens Vorzeit, den drei Gleichen, dem Schneekopf und dem thüringischen Henneberg | >>>

Freudenthal und Türkenweg

Unter der Ruine des Schlosses Gleichen steht am Fuß des Berges ein einsames Forsthaus, zum Freudenthal genannt, und diesen Namen führt die Stätte seit langen Zeiten. Es geht die allgemeine Sage unter dem Volk jener Gegend: Als nun der Graf von Gleichen seine Gattin daheim auf die Fremde vorbereitet und bei ihr ein williges Gemüth gefunden hatte, bereit, Jene als seine Befreierin aus dem Sclavenjoch mit frohem Herzen und offenen Armen aufzunehmen und sie als Freundin zu ehren, zog er der Sarazenin entgegen, sie heimzuholen, und die Gräfin kam aus der Burg herab, sie zu begrüßen. Da stand eine alte Linde am Weg, bei dieser begegneten sich die beiden Frauen und schlossen einander in die Arme und weinten vor Freude.

Die Linde hat lange noch gestanden und ist als der Ort gezeigt worden, wo die so lange Getrennten sich wieder vereinten. Hernach ließ der Sage nach die sarazenísche Gemahlin des Grafen den Burgweg vom Freudenthal bis zum Schloß herauf herstellen und pflastern, weil sie Erbarmen mit den armen Leuten hatte, die sich in dem alten bösen und gefährlichen Hohlweg martern mußten. Von da an ist dieser Weg der Türkenweg genannt worden und heißt noch heute so.

Viele Wahrzeichen waren und sind zum Theil noch vorhanden, welche die oft bestrittene Sage von der Doppelche des Grafen von Gleichen zu bestätigen schienen, Sculptur und Bildwerk, Geräthe und sonstige Reste. Lange hat man auf Burg Gleichen in der Junkernkammer die dreischläfrige Bettsponde gezeigt, mit rund gewölbtem Himmel, grün angestrichen, von Tannenholz, 4 Elle lang, 4 Ellen breit; mancher Abergläubige schnitt Splitter davon; im Jahr 1812 ist sie von den Franzosen im Bivouak verbrannt worden. Auf dem Schlosse zu Pyrmont wurde ein gleiches Bette gezeigt, nicht minder auf dem zu Ohrdruf, und auf dem Vorwerk Wannigsrode bei Emleben.

Auf dem Schloß zu Farrenrode befand oder befindet sich noch ein Teppich, der früher auf Gleichen gehangen haben soll, und in welchen, in acht Felder getheilt, die Geschichte des zweibeweibten Grafen eingewirkt war. In der Leprosarienkirche zu Ohrdruf ist ein altes Schnitzwerk, ein Altarstück, befindlich, das ebenfalls diese Geschichte darstellen soll; desgleichen ein altes Elfenbeinkästechen in einem Museum. Alter Gemälde nicht zu gedenken, deren es mehre gab.

Im Archiv des gräflichgleichischen Hauses Lonna zeigte man den Türkenbund der Sarazenin, und ein goldnes Kreuz, auch hat man die Sage von einem kostbaren Ring, der an die Schenken von Varila kam, und im ehemaligen Benediktinerkloster auf dem Petersberge zu Erfurt war ein mit Perlen und Edelsteinen reich und künstlich verzierter Abtsornat, Geschenk der beiden Gräfinnen. In diesem Kloster lag auch das Hauptdenkmal, der Leichenstein, auf dem der Graf zwischen seinen beiden Frauen in Stein gehauen ist. Dieser Stein ist nach Aufhebung des Klosters im Dom aufgestellt worden, wo er noch heute zu sehen ist. Die letzte Gräfin von Gleichen hatte noch ein werthes Kleinod und ein krystallenes Kreuz, das der Papst der Sarazenin bei der Laufe verehrt.

Quellen:


sagen/tss3206.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1