Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


sagen:tss2337

<<< zurück | Sagen aus Thüringens Frühzeit, von Ohrdruf und dem Inselberge | weiter >>>

Der Wittgenstein

Zwischen den Dörfern Schönau und Farrnrode hängt über Erlen und Weidenbüschen ein scharfzackiger, viel zerklüfteter Fels, der Wittgenstein genannt, dicht unter ihm fließt dunkel der Thalbach hin. Mit vielen Sagen von ihm trägt sich das Volk. Ein Schloß soll vor alten Zeiten auf ihm gestanden haben, und eine Prinzessin ist in den Stein gebannt, die bisweilen erscheint. Viele alte Leute haben sie gesehen. Am Felsen, dem Ebertsberg gegenüber, ist ein steinernes Brückchen über das Wasser gelegt, dort brennt bisweilen am obern Ende dieses Steinstegs Nachts ein einsames Licht, ihn hell erleuchtend, daß nächtliche Wanderer ihn sehen und erkennen können; den bösen aber leuchtet solches Licht nicht, und mancher verfehlte schon den Steg und fiel in das Wasser. Alle sieben Jahre, so geht die Sage, tritt die Prinzessin aus dem Wittgenstein, wer dann ihrer ansichtig wird und sich nicht fürchtet, empfängt große Wohlthaten, denen aber, die sich vor ihr scheuen, oder sie wohl gar beleidigen, wird übel vergolten. Ein Taglöhner ging verdrießlich nach Farrnrode heim, sah durch stockfinstere Nacht das Licht am Steg, war mürrisch, weil er nur wenig verdient, und stieß mit dem Fuß an die Kerze, daß sie ins Wasser fiel und auslöschte, indem er ausrief: Licht gibst Du mir, das brauch ich nicht, Geld brauch ich, das gibst Du Andern. Kann den Weg auch finster finden. – Er hatte das kaum gesagt und war kaum zwei Schritte gegangen, so lag er schon im Wasser, und dieß geschah ihm noch mehrmals in derselben Nacht, so daß er ganz durchnäßt erst gegen Morgen nach Haus kam; er hatte weder Weg noch Steg finden können. Man hat Beispiele, daß sonst Leute sich unterstanden haben, am Wittgenstein laut die Prinzessin zu rufen, oder sie zu schelten und zu necken mit höhnender Rede, denen sind Steine um die Ohren geflogen, sie haben von unsichtbaren Händen Maulschellen erhalten, oder doch bald nachher bedenklichen Schaden erlitten. Eine unten am Fels grasende Magd sah in einer Kluft an demselben eine bleiche, ganz seltsam gekleidete Jungfrau stehen, die ihr freundlich winkte, aber es überkam sie ein Grausen, sie lief eiligst davon und auf die Rasenmühle, wo sie diente, und kehrte nur in Begleitung eines Mühlknechts zurück. Da war nichts mehr zu sehen, aber ihr Graskorb, den sie zurückgelassen, war zerfetzt und zerstückt.

Quellen:


sagen/tss2337.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1