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sagen:sat293

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Die Nixe der Ilm

  Nr. 293–296 schriftl. Mittheil. von Herrn K. Aue in Weimar

1 . Eines Tages ging ein Mägdlein mit einigen Erwachsenen nach dem Luftschlosse Belvedere. Sie nahmen den Weg durch Tuck's Garten, wie der Theil des Parkes heisst. Als sie in die Nähe der Brücke kamen, welche die rothe oder Schafbrücke genannt wird, sah das Kind eine wunderschöne Jungfrau in weissem Kleide und mit langen gelben Locken am südlichen Ufer hin und her gehen. Bebend verkündete es die Erscheinung den Begleitern, die aber nichts sahen und das Kind verlachten. Sie gingen der Brücke näher und als sie dieselbe betraten, verschwand die Erscheinung vor den Augen des Kindes.

Nicht weit von der genannten Brücke bildet der Fluss eine Krümmung und ist dort sehr tief. Nach der Sage der Leute befindet sich tief unten das unsichtbare Schloss der Ilmnixe und ein grosser Kessel voll Goltes liegt dort gleichfalls verborgen.

2 . Zu einem Fleischer kam oft die Nire Fleisch zu kaufen. Sie hatte gelbe Zähne und der Saum ihrer Kleider war nass. Sie sprach kein Wort, sondern deutete auf die Stücke die sie haben wollte. Den Fleischer ärgerte das, er sprach davon und man rieth ihm, der Nixe, wenn sie wieder auf das Fleisch zeige, die Hand abzuhauen. So geschah es. Da that die Nire ihren Mund auf und sprach: „merke wohl, was du gethan hast und hüte dich vor dem Wasser.“ Seitdem vermied der Fleischer das Wasser auf alle Weise. Als er aber einmal an einen kleinen Tümpel gekommen war, fuhr die Nixe heraus und erdrosselte ihn.

3. Ein Mädchen hatte auf einer Wiese an der Ilm in Tuck's Garten, gerade an der Krümmung, wo tief unten das unsichtbare Schloss der Nixe steht, Heu zu machen. Es war Mittags von 11 bis 12 Uhr. Dem Mädchen kam mächtiges Grausen an, ohne dass es von der Unheimlichkeit des Ortes Kenntniss hatte. Da trat mit einem Male gänzliche Windstille ein und alsbald begann ein heftiges Rauschen rings um das Mädchen und umgab es auf jedem seiner Schritte. Das währte bis es zwölfe schlug.

Einige sagen auch, dass in dem Theile der Ilm, der in Tuc's Garten begriffen ist, zwei Nixen einander gegenüber wohnen.

4. Ein Soldat ging auf dem untern Tieffurter Wege sich in den Gebüschen Stöcke zum Ausräumen des Gewehrs zu schneiden. Als er nun damit beschäftigt war, drang aus der nahen Ilm zuerst ein Geplätscher, dann schallendes Gelächter an sein Ohr und als er sich umsah, stund ein nacktes schönes Weib mit goldglänzenden langen Haaren in dem Flusse und winkte ihm, rief ihn bei seinem Namen und fuhr dann fort zu plätschern und zu lachen. Der Soldat enteilte so schnell er konnte.

5. Eine Frau ging mit ihrer Tochter eines Abends durch den Park nach Belvedere. Als sie auf dem untersten Wege rechts von den Wiesen an der Ilm waren, sahen sie ungewöhnlich lange Bleichstücke bis an den Fuss der Höhe, wo der Weg führet, ausgebreitet liegen. Die Tochter beschloss schon hinab zu gehen und sich die Leinwand anzueignen, als sich wundersüsser Gesang von dem Flusse her hören liess. Sie eilten vorwärts und als sie sich umfahen, war die Leinwand verschwunden, der Sang aber tönte bezaubernd hinter ihnen.

Zu einer andern Zeit Abends denselben Weg gehend sahen sie die Wiese unter Wasser und der Zaubersang liess sich daraus vernehmen.

6. Ein Mann kam Abends von Oberweimar. Als er auf dem untersten Wege die Stelle erreichte, wo eine Thür die Höhle verschliesst, welche die Parkknechte zum Aufbewahren ihrer Geräthe benussen, war im Nu der Weg vor ihm durch einen breiten Wassergraben versperrt. Wohl wissend, dass diess kein natürlicher Graben sei, nahm er Zuflucht zu einem bekannten Mittel, er trat drei Schritte zurück. Sogleich verschwand der Graben, erschien aber sofort wieder, als der Mann fürder schreiten wollte. Er wiederholte sein Zurückschreiten noch zweimal, da blieb die Erscheinung endlich aus.

Quellen:


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