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Das Waldweibchen im Bauerhause zu Wilhelmsdorf
Börner Volkssagen S. 188 ff.
Bei einer Bauersfrau in Wilhelmsdorf hatte sich ein Waldweibchen eingethan. Das kleine Wesen war gar fleissig und arbeitsam, half überall, wo etwas zu thun war, so dass im Hause eine Magd erspart wurde. Wenn Morgens die Bäuerin aufstand, war alles in Küche und Stube gefegt und gekehrt, gescheuert und gewaschen und blank und rein in Ordnung gestellt. Auf den Wiesen und auf den Feldern ging die Arbeit zur Erntezeit so flink von der Hand, dass Heu und Grummet und jede Feldfrucht gerade in dieser Wirthschaft zuerst in die Scheuer kam. Hatte das Waldweibchen treu und fleissig sein Tagewerk verrichtet, so nahm es Abends seinen Platz hinter dem Ofen ein und gab von da aus den Leuten im Hause allerlei gute Lehren und Rathschläge. Am liebsten aber beschäftigte sich das kleine Wesen vor dem Ofen. Gab es dort zu thun, so trug es Brennholz zu, unterhielt das Feuer, schob und hob die Töpfe, zog die Krücke, wenn es zum Brodbacken kam, und lief und zeigte an, wenn alles bereit und fertig war. Das alles war der Bauersfrau ganz recht, nur eins war ihr zuwider. Sobald sie nemlich den Rücken wendete, war der Kochtopf, zumal wenn Klösse gekocht wurden, wohl bis auf die Hälfte ausgeleert, und wenn die gebackenen Brode aus dem Ofen genommen und an Ort und Stelle gebracht werden sollten, so war das Waldweibchen niemals zur Hand, es hockte dann in irgend einem Winkel und liess bereits ein frisch gebackenes Brod sich schmecken. Zwar hatte die Frau schon oft ihren dienstbaren Geist deshalb gescholten und ausgezankt, aber es half nichts, die Klöse und Brode wurden nach wie vor gezehntet. Da kam der Frau ein Sprüchlein in den Sinn, das ihr das Waldweibchen oft als gute Lehre vergesagt hatte:
„pip kein Brod,
schäl keinen Baum,
erzähl keinen Traum ,
back keinen Kümmel ins Brod ,
so hilft dir Gott in aller Noth.“
Ei, dachte die Bäuerin, hörst du nicht auf meine Worte, so will ich auch von deinem Rath nichts wissen und buck dem Waldweibchen zum Possen und Aerger das nächste Mal Kümmel in die Brode und pipte sie richtig von dem ersten an bis zur vollen Mandel fort. Besser wäre es gewesen, sie hätte das nicht gethan. Denn als das Waldweibchen von dem neuen Brode gekostet hatte, lief es unwillig aus dem Hause fort zurück in seinen Wald schreiend:
„sie haben mir gebacken Kümmelbrod,
das bringt diesem Hause lauter Noth.“
Und so geschah es. Die Familie kam seit jener Zeit sichtlich von ihrem Wohlstande herab und es gebrach ihr zulezt an Broden mit Kümmel und ohne Kümmel.
Die Leute in jener Gegend erzählen, dass diese Waldweibchen, die auch Moosweibchen genannt werden, vordem in dichten Wäldern wohnten, besonders in den Holzungen an der Saale. Sie waren in Moos gekleidet, von Ansehen alt und grau und gehörten zum Geschlecht der Zwerge, obgleich sie die Heimchen an Grösse noch übertrafen. Oft kamen sie aus ihren Waldungen hervor und thaten sich ein in den Häusern und Gehöften der Bauern, wurden als Gehilfen bei den häuslichen Verrichtungen gern gesehen, zuweilen aber auch wegen ihrer Naschhaftigkeit lästig befunden. Rathend und helfend, dabei aber schüchtern und reizbar, neckten sie gleichwohl gern; sie bewiesen sich den Hausleuten gutmüthig und zugethan, so lange man sie pflegte, sich ihrer Hilfe bediente und ihren Rath befolgte, geriethen aber auch leicht in Zorn gegen Undankbare, die ihren Rath und ihre Gaben verschmähten und wussten dieselben zu bestrafen. Sie konnten auch über Schätze verfügen waren aber in steter Lebensgefahr, namentlich der Verfolgung des wilden Jägers fortwährend ausgesetzt.
Quellen:
- Dr. August Witzschel: Sagen aus Thüringen. Meersburg und Leipzig 1930
