<<< zurück | Sagen aus Thüringen - Geschichtliche Sagen | weiter >>>
Die Gräfin von Orlamünde
Lazius de migrat. gent. lib. VII. Philipp v. Waldenfels select. antiquitatis libri XII. p. 466. Des Knaben Wunderhorn II, 232. Grimm deutsche Sagen II, Nr. 579, S. 376. v. Stillfried Alterthümer u. Kunstdenkmale des erlauchten Hauses Hohenzollern. Neue Folge 1. Lief.
Otto, Graf zu Orlamünde, war gestorben und hatte eine noch junge Wittwe, eine geborne Herzogin von Meran, mit zwei Kindern hinterlassen, einem Söhnlein von drei, und einem Töchterlein von zwei Jahren. Die Wittwe wohnte auf der Plassenburg und dachte ernstlich daran, sich wieder zu vermählen, namentlich hatte der schöne Burggraf Albrecht von Nürnberg ihr eine heisse Liebe eingeflösst, dass sie auf Mittel sann, seine Gattin zu werden. Der Burggraf, dem diese Leidenschaft wohl bekannt war, hatte eines Tages gesagt, dass nur der Augen vier einem Ehebunde im Wege ständen. In dem Glauben, der Burggraf meine ihre beiden Kinder, und hingerissen von ihrer Liebe zu dem schönen Manne fasste sie den grauenvollen Entschluss, die unschuldigen Kinder zu ermorden. Sie stach ihnen im Schlafe eine goldene Haarnadel durch den weichen Schädel.
Nach einer andern Erzählung soll die Gräfin nicht selbst die Kinder umgebracht haben, sondern einen Dienstmann, Hayder oder Hager genannt, durch reiche Gaben gewonnen haben, dass er die beiden Kinder tödten möchte. Diesen Mörder sollen die beiden Kinder, als er sich ihnen naeherte, geschmeichelt und ängstlich gebeten haben ihnen das Leben zu lassen, der Knabe:
Lieber Hager, lass mich leben,
Ich will dir Orlamünden geben ,
Und auch Plassenburg des neuen,
Es soll dich nicht gereuen.
Das Töchterlein aber soll gesagt haben:
Lieber Hager lass mich leben,
Ich will dir alle meine Decken geben.
Der Mörder aber beharrte bei seinem abscheulichen Vorhaben und vollbrachte die Unthat. Später wurde er bei einer andern Büberei ergriffen und auf die Folter gelegt. Da soll er vor seinem Tode gesagt und bekannt haben, es gereue ihn zwar sehr der Mord des jungen Herrn, der aber doch schon gewusst habe, dass er Güter verschenken könne, viel grössere Reue aber empfinde er, wenn er der unschuldigen Worte des Mägdleins gedenke, die ihr Spielzeug ihm habe schenken wollen. Die Leichen der beiden Kinder wurden von der Plassenburg in das Kloster Himmelskron gebracht und an der Seite ihres Vaters beigesetzt, wo sie lange Zeit zum Andenken an diese Mordthat gezeigt wurden.
Als der Burggraf die böse That erfahren hatte, kehrte er der Gräfin von Orlamünde mit Abscheu den Rücken, indem er sagte: „nicht der Kinder Augen waren gemeint, sondern meiner Eltern Augen; zwischen uns wird nimmermehr ein Bund geschlossen.„ Und er vermählte sich nachher mit einer Gräfin von Henneberg. Des Burggrafen Worte hatten der Gräfin das Herz gebrochen. Von Reue und Schmerz gefoltert stürzte sie aus ihren Gemächern, eilte mit fliegenden Haaren durch die langen Gänge der Plassenburg bis zur Pforte des Schlosses und hinab in das Thal nach Himmelskron. Man sagt, sie habe auf ihren Knieen rutschend den Weg bis ins Kloster zurückgelegt; gewöhnlicher aber wird erzählt, dass sie in Schuhen, inwendig mit Nadeln und Nägeln besetzt, den Weg von der Plassenburg nach Himmelskron gegangen und gleich beim Eintritt in die Kirche todt niedergefallen sei. Noch gemahnt ein Steinkreuz am Wege von Kulmbach nach Himmelskron an diesen Marterweg der Gräfin.
Nach einer andern Sage aber pilgerte sie auf den Rath_der Aebtissin zu Himmelskron nach Rom, um irdischen Trost und den Weg zum ewigen Heile zu finden. Der heilige Vater habe ihr aufgegeben ein Kloster zu bauen und darin unter steten Bussübungen ihr Leben zu verbringen. Nun erzählen wieder Einige, dass sie von dieser Bussfahrt zurückgekommen auf der Stelle vor der Kirchthür zu Himmelskron gestorben sei, Andere dagegen wissen, dass sie bei Nürnberg das Kloster Himmelsthron für Cisterzienser- Nonnen (weisse Frauen) gestiftet habe und dessen erste Aebtissin geworden sei.
Vor ihrem Hinscheiden beichtete sie reumüthig ihre Sünden und gedachte mit rührenden Worten der unseligen Verblendung, in der sie einst so schwere Missethat begangen hatte. Das zweideutige Wort des geliebten Mannes, das sie zu so schwerer Sünde verführt habe, wolle sie, so Gott ihr dieses Glück vergönne, dem burggräflich nürnbergischen Hause in allen seinen Verzweigungen durch eine seegenbringende Warnung vergelten. Sie wolle für und für einem Jeden aus diesem Geschlechte, wenn es noch Zeit sei, durch göttliche Kraft einen Wink zugehen lassen, wenn sein leztes Stündlein schlagen werde, auf dass er zur rechten Zeit dem Irdischen entsagen, sein Haus bestellen und so nicht unvorbereitet vor dem ewigen Richter erscheinen könne.
Quellen:
- Dr. August Witzschel: Sagen aus Thüringen. Meersburg und Leipzig 1930
