<<< vorherige Sage | Kapitel 13 | nächste Sage >>>
Der Spion von Aalen
Mündlich
Als die Aalener Bürger einstmals mit dem Kaiser Streit hatten, wählten sie einen gar pfiffigen Mann aus ihrer Mitte, daß er des Kaisers Kriegsheer auskundschaften sollte. Selbiger Mann begab sich auch alsbald gradeswegs in das Lager des Feindes und sprach: „Grüß Gott, ihr Herre!“ Als man ihn darauf fragte, wer er sei und was er wolle, so sagte er: sie sollten nur nicht erschrecken, er sei der Spion von Aalen und wolle sich nur das Lager ein wenig besehen, was man ihm denn auch gestattete. Aus Dankbarkeit haben die Bürger von Aalen diesem Spion später ein Denkmal gesetzt und ihn an der Rathhausuhr leibhaftig abgebildet. Da drehte er seinen Kopfzugleich mit dem Perpendikel hin und her und schnitt Gesichter.
Man sagt noch, dieser Spion habe einmal die Garde Napoleons, als sie auf dem Marktplatz eine Parade abgehalten, in ein allgemeines, gewaltiges Lachen gebracht, und auch Napoleon habe lachen müssen, als ihm das Männchen an der Uhr gezeigt und die schöne Geschichte dazu erzählt worden. Später sind die Aalener so ernsthaft geworden, daß sie ihren Spion fortgeschafft haben, wie die Baseler ihren Lallekönig. Indes das Andenken an beide wird nicht verschwinden.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
