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sagen:sagenschwaben410a

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Gansloser Streiche - Der Storch

Auf den Wiesen der Gansloser Bauern hielt sich früher ein Storch auf, den bewunderten und verehrten sie dergestalt, dass sie ihm zu Ehren einst ein besonderes Fest feierten, in die Kirche zogen und dort folgendes Lied sangen:

Heut feiern wir das hohe Tier,
Das uns auf unsern Wiesen geht.
Es hat ein schwarz-weiß Wames an
und einen Schnabel wie a Gans.
Hallelujah!

Indes wurde der Storch den Ganslosern doch bald lästig, weil er ihnen so viel gutes Gras verwatete. Sie hielten daher einen Rat, wie man den Storch am besten von den Wiesen entfernen könne und beschlossen nach langem Hin- und Herreden, dass der Büttel ihn wegjagen solle. Damit aber auch dieser kein Gras verwate und man zugleich urkundlich die Ausführung dieses Beschlusses wisse, erhielten vier Gemeinderäte den Auftrag, den Büttel auf einer Bahre hinauszutragen. Und es geschah also. Der Storch aber ließ die Gansloser bis dicht in seine Nähe kommen und flog dann davon, worauf der Büttel seine Träger noch auf die Höflichkeit des Storches aufmerksam machte, indem derselbe, bevor er fortgeflogen war, sich noch vor den Gemeinderäten verbeugt habe.

Wenn das Volk sagt: »Dees ist a Gans­lauser Stroach!«, so fügt es zur Erklärung auch wohl hinzu: »Wie da, wo mer a Storch g’schoßa hat.« Nach einer anderen Sage ist überhaupt in Ganslosen der erste Storch göttlich verehrt worden.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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