<<< vorherige Sage | Kapitel 13 | nächste Sage >>>
Nikodemus Frischlin
(† 1590)
Als der gekrönte Dichter Nikodemus Frischlin aus Balingen wegen seiner freimütigen Reden schon längere Zeit gefangen auf Hohenurach gesessen hatte und der Kerker ihm zuletzt unerträglich wurde, versuchte er durch die Flucht zu entkommen. In der Nacht vom 29. auf den 30. November 1590 kroch er durch das Ofenloch zum Gefängnis hinaus, zerschnitt all sein Leinenzeug und drehte ein Seil daraus, an dem er sich bis auf die Schlossmauer herabließ. Dann schlug er ein Stück Holz in die Mauer und band das Seil daran. Allein der Mondschein hatte ihn getäuscht. Er hatte die steilste Stelle gewählt. Als er halb hinabgelassen war, brach das Seil, worauf er an den gezackten Felsenwänden hinunterstürzte und am anderen Morgen zerschmettert und entseelt gefunden wurde.
Kein Denkmal bezeichnet Frischling Grab auf dem Kirchhof zu Urach. Zwischen den Felsen aber, wo das Blut des armen Dichters verspritzt worden war, wuchs seitdem ein seltenes, schönes Blümlein hervor, das sich der Sage nach nur auf Hohenurach findet und Totenkopf oder Uracher Totenköpfchen genannt wird.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
