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sagen:sagenschwaben390

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Der Mann auf dem Rad oder: Das Wahrzeichen von Tübingen

An der Ostseite der St, Georgen- oder Stiftskirche zu Tübingen befindet sich, wie in einer runden Fensteröffnung, das Bild eines aufs Rad geflochtenen Mannes eingemauert. Davon erzählt Crusius (um 1596) Folgendes: Als vor hundert Jahren zwei junge Gesellen und Kameraden auf die Wanderschaft zogen, um ihr Handwerk zu betreiben, und der eine nach etlichen Jahren wieder zurückkam, der andere aber nicht, und man deswegen glaubte, er sei umgebracht worden, so wurde der Erstere ergriffen und aus einigen Zeichen, zum Beispiel weil man den Dolch des anderen bei ihm fand, für den Mörder gehalten, zum Tode verdammt und gerädert.

Nicht lange danach kam jedoch der andere lebendig, frisch und gesund nach Tübingen zurück. Den Dolch hatte er seinem Kameraden gelegentlich einmal geschenkt.

Darauf wurde zum ewigen Gedächtnis des Unglücklichen und zur Warnung vor voreiligem Todesspruch und Justizmord das Bild des geräderten Mannes in Stein gehauen und in die Kirchenmauer eingefügt.

Diesem Bild schräg gegenüber befanden sich in jener Zeit die Sitzungssäle des königlichen Gerichtshofes.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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