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Das Schleierweible
Mündlich aus Hirschau und Wurmlingen.
In dem Hirschauer Walde, der zwischen dem Dorfe Hirschau und dem Ammerhofe liegt, geht seit vielen Jahren ein Weib um, das man das Schleierweible (Schleireweible) nennt. Es ist klein, alt, schlecht gekleidet und hat sich oft bei Tag und Nacht gezeigt, namentlich den Weibern, die in den Wald kamen, um Holz zu lesen. Diese hat es zuweilen angeredet und ihnen gesagt: „habt ihr bald voll? habt ihr bald voll? ich will euch helfen Holz sammeln.„ Dann hat sie mit allem Eifer Holz zusammengesucht und dieß zu den Büscheln der Weiber gelegt und hats ihnen aufgeholfen, wenn sie damit heim wollten. So wie aber die Weiber fortgingen, ist das Schleierweible ihnen gefolgt und hat jedesmal alle Reiser, die es gesammelt hatte, aus den Büscheln wieder herausgerissen und in den Wald geworfen.
Einst hat dieß Weib auch Holz lesenden Kindern die Brust geboten, daß sie saugen sollten; die Kinder aber fürchteten sich und liefen davon.
Andre sagen so: das Schleierweible sei nur gefährlich, wenn es in ganz lumpigen Kleidern daherkomme; denn dann sei es bös.
Zuweilen hat es gewöhnliche Bauernkleider an. Wenn es aber im weißen Schleier sich zeigt, dann soll es Niemand was zu Leide thun. In dem benachbarten Wurmlinger Walde geht dasselbe alte Weib um und man erzählt sich dort von ihm die nämlichen Geschichten, nennt es aber Bauerweible (Baureweible) und schreckt die Kinder damit, wie die Hirschauer mit ihrem Schleierweible.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
