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sagen:sagenschwaben339

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Die weiße Frau zu Gutenberg

  Medicus, in Mone's Anzeiger 1834

Im Schloß zu Gutenberg am Neckar, dem Michelsberge gegenüber, erschien früher die weiße Frau. Sie war groß, sah weiß, grau, runzlich und sehr alt aus, und schlich nur so umher. Den Mägden half sie bei der Arbeit, namentlich beim Waschen; aber dann mußten sie auch recht fleißig sein; sie sah oft ruhig zu, und that Niemand was zu Leide. Doch zuweilen sprang sie auch wohl der Magd, wenn sie backen wollte, aufs Genick, war aber nicht schwer. Nachts hörte man sie in den Gängen, indem sie Brennholz vor den Oefen niederwarf; allein des Morgens war Alles wieder verschwunden. Einem Knechte, der ihr manchmal nachsah, nahm sie mehrmals die Bettdecke und trug sie in eine Ecke des Zimmers. Des Morgens schlich sie immer in das Waschhaus und verschwand da in einer Ecke. Der Schloßherr ließ hier einmal nachgraben und fand daselbst das Gerippe eines großen Menschen und eines Kindes. Das war ihr eigenes Gerippe und das ihres Kindes, das sie umgebracht, und neben dem sie, ihrem letzten Wunsche zufolge, begraben war. Seit man indes ihre Gebeine ordentlich auf dem Kirchhofe begraben hat, seitdem spukt hier die weiße Frau nicht mehr.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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