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sagen:sagenschwaben329

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Der Turmhüter

  Eine mündliche Überlieferung aus Altenriet

Die Edelleute Dürner von Dürnau hatten auf Neuriet, einem Feld bei Altenriet, auf einem steilen Hügelvorsprung oberhalb der Einmündung des Höllenbaches ins Neckartal das Schloss Neu­riet, dessen letzter Turm abgebrochen worden war. Von diesem Turm soll ein unterirdischer Gang bis in ein Wäldchen jenseits des Neckars geführt haben. In dem Turm selbst aber schwebte ein Geist, ein Edelmann, der sich oft mit seinem runden Hut sehen ließ. Er stieg dann gewöhnlich auf den Turm und zwar an der äußeren Seite, obwohl keine Treppe da war. Wenn er oben angekommen war, stieg er auf dieselbe Weise, schnecken­förmig wie auf einer Wendeltreppe, hoch in die Luft, stand dann still und setzte ein Instrument wie ein Horn an den Mund, als ob er blasen wolle.

Einst hörte eine Frau ihn niesen in dem Turm und sagte: »Helf Gott!« Ebenso, als er zum zweiten Mal nieste. Als das Niesen sich aber zum dritten Mal wiederholte, schwieg sie still, worauf er entsetzlich zu jammern anfing; denn hätte sie zum dritten Mal Helf Gott! gesagt, so wäre er erlöst gewesen.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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