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sagen:sagenschwaben298

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Käsperle

  Eine mündliche Überlieferung aus Immenhausen, Hinternweiler, Gomaringen

Kaspar oder Käsperle war ein Vogt in Gomaringen und soll die Gemeinde um Ländereien betrogen haben. Deshalb musste er nach seinem Tod umgehen und spukte in einem Haus, das man Aunaut (Unnot) nannte, nicht weit von Gomaringen. Da ist er oftmals in seiner weißen Zipfelmütze, mit weißen Strümpfen, Schnallenschuhen und mit der Pfeife im Mund gesehen worden, klopfte und polterte im ganzen Haus so arg, dass niemand mehr darin wohnen wollte und man es am Ende einem Schreiner umsonst überließ. Besonders unruhig zeigte er sich, wenn die Haus­frau niederkam. Dann nahm er ihr öfters das Kind weg und trug es unters Bett, tat ihm übrigens nichts zuleide.

Am ärgsten lärmte er jedoch um Weihnachten. Da sprang er zum Beispiel in der Viehkrippe hin und her, dass die Kühe vor Angst brüllten, worüber er jedes Mal laut lachte. Ferner band er das Vieh verkehrt an, band zwei Stück an einem Strick zusammen und dergleichen. Wenn er es zu toll machte, rief der Hausherr wohl einmal: »Jetzt bist aber still!«

Dann ging es eine Weile gut. Aber bald trieb er aufs Neue seine Streiche, zog den Knechten, die Futter schneiden wollten, das Heu und Stroh aus der Schneidlade (Stroh­stuhl), während sie das Messer wetzten und dergleichen mehr.

Um Weihnachten ging er immer auch aufs Feld und klopfte beständig an einem Markstein herum, den er wahrscheinlich versetzt hatte.

Auch führte er eine große Schnupftabakdose bei sich, die wie grünes Moos aussah, und hielt sie den Leuten hin. Wollte aber jemand zulangen und eine Prise nehmen, so zog er sie schnell wieder zurück.

Als endlich das Haus abgebrochen und das Holz nach Gomaringen geführt wurde, spottete man über den Käsperle, der nun allein zurückbleiben müsse. Allein, als der letzte Wagen mit Holz abfuhr, saß Käsperle oben drauf, wovon der Wagen so gedrückt wurde, dass er sich ganz zusammenbog und brechen wollte. In Gomaringen wagte es aber niemand, den Wagen abzuladen, bis dass der Geist fortgesprungen war. So wie aber das Holz verbaut war, stellte auch Käsperle in dem neuen Haus sich ein und trieb darin sein altes Unwesen fort, bis vor einigen Jahren sein Grab geöffnet und er noch unverwest und blutig darin gefunden wurde.

Dann hat man ihn zum zweiten Mal in Gomaringen begraben, und seitdem ist er nicht mehr gesehen noch gehört worden, und wird nun erlöst sein.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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