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Die Jerichorose

  Eine mündliche Überlieferung aus Rotenburg a. N.

Die Jerichorose findet sich in Palästina, Ägypten und am Roten Meer.

Die Rose von Jericho, insgemein die »Jerichorose« genannt, entstand, als Maria während ihrer Schwangerschaft aufs Gebirge ging, um ihre Freundin, die Elisabeth zu besucheu. (Lukas, Kap. 1, 39 – 40) An jeder Stelle, die ihr Fuß betreten hatte, wuchs und blühte eine solche Rose auf.

Die abgestorbene Pflanze, woran die Stengel mit den Ästen ganz zusammendorren und sich zusammenziehen, bewahrt noch die Schötchen und kleinen Blumen. Eine solche vertrocknete Jerichorose hat aber die Eigenschaft, dass sie alle Jahre am Josefstag, d. i. am 19. März wieder blüht und dann die Schachtel, in der man sie aufbewahrt, voneinander drückt, wenn man sie nicht öffnet. Außerdem kann man sie nur noch an zwei Tagen zum Blühen bringen, in der Christnacht und in der Neujahrsnacht. Gewöhnlich tut man es aber am Weihnachtsabend. Man stellt sie dann in geweihtes Wasser, worauf die versammelten Freunde und Bekannten so lange beten, bis die zusammengezogenen Äste sich ausdehnen und die Rose blüht. Sie sieht dann, vors Licht gehalten, rot wie Granatäpfel aus. Unter allgemeiner Freude, dass das Gebet so wunderbar gesegnet worden ist, wird aus der Gestalt, welche die Rose jetzt angenommen hat, allerlei Gutes für das kommende Jahr geweissagt, zum Beispiel ob der Wein, die Gerste, der Dinkel, das Obst usw. gdeihen werden. Dehnen sich sämtliche zusammengeschlungene Ästchen wieder aus, so wird alles wohl geraten.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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