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Die niesende Schlange
Eine mündliche Überlieferung aus Heubach
Im Wald zwischen Heubach und dem Dorf Lauterburg traf ein Glaser aus Heubach, der öfters in dem Dorf zu tun hatte, eine bunte Otter. Die nieste wie ein Mensch und stets drei Mal, so oft er vorbeikam. Er traf sie immer an derselben Stelle bei einer Eiche und hörte jedes Mal das dreimalige Niesen, wagte aber nicht, etwas darauf zu sagen, und erzählte die Geschichte seinen Kameraden. Die meinten, das sei wohl keine gewöhnliche Otter. Er solle den Pfarrer um Auskunft bitten. Das tat er auch sogleich, worauf der Pfarrer ihm riet: Wenn die Schlange das nächste Mal wieder niese, solle er einmal »Gott helf dir!« sagen.
Da begab er sich eines Tages mit mehreren Gefährten auf den Weg. Als sie sich dem bewussten Platz genähert hatten, blieben die Begleiter zurück und ließen ihn allein bis ans Ziel gehen. Dort erschien nun sogleich die Schlange und nieste wie sonst drei Mal, worauf er jedes Mal sein »Gott helf dir!« sprach.
Als er dies aber zum dritten Male gesprochen hatte, kam sie plötzlich mit feurigem Leib und gewaltigem Gerassel hervorgeschossen und jagte ihm einen solchen Schrecken ein, dass er die Flucht ergriff.
Da eilte die Schlange ihm nach und rief, sie tue ihm nichts zuleide. Er solle nur das Schlüsselbund ihr abnehmen, was sie an einer Kette am Hals trug, doch nicht mit bloßer Hand. Dann möge er ihr folgen. Sie werde ihm den Weg zu großen Schätzen zeigen und ihn glücklich machen.
Allein er ließ sich nicht halten. Als seine Gefährten ihn laufen sahen, flohen sie ebenfalls. Darauf sprach die Schlange, jetzt müsse sie noch so lange »schweben«, bis jener kleine Eichbaum groß geworden und eine Wiege aus seinen Brettern gemacht werde. Durch das erste Kind, welches man da hineinlege, könne sie dann erlöst werden.
Der Pfarrer tadelte den Glaser, dass er sein Erlösungswerk nur halb gewagt und nicht auch das Schlüsselbund genommen habe. Übrigens starb der Mann vier Wochen danach.
Der bezeichnete Eichbaum ist indes dick geworden, bisher aber noch nicht gehauen, weshalb der Geist wahrscheinlich noch umgehen muss.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
