<<< vorherige Sage | Kapitel 5 | nächste Sage >>>
Die Hexe verführt ein Kind
Die Magd eines württembergischen Pfarrers war eine Hexe und wollte des Pfarrers Töchterlein, das noch nicht sieben Jahre alt war, ebenfalls zu einer Hexe machen. Wäre das Kind schon über sieben Jahre alt gewesen, so hätte es die Hexerei nicht mehr erlernen können. Die Magd fing nun damit an, dass sie das Mägdlein lehrte, mittelst eines gewissen Spruches aus mancherlei Dingen Blut zu melken, und dies machte dem Kind solche Freude, dass es, ungeachtet ihm von der Magd hoch und teuer befohlen war, niemand etwas zu verraten, nicht unterlassen konnte, seinem Vater das Blutmelken aus einem Handtuch zu zeigen.
Nachdem der Pfarrer erfahren hatte, dass sein Töchterlein dies von der Magd gelernt hatte, beschloss er, beide nicht mehr am Leben zu lassen. Er rief die Magd herbei, ermahnte sie nachdrücklich zur Buße und beschwur sie, ihm nach ihrem Tod kundzutun, ob sie Verzeihung ihrer Sünden erlangt habe.
Einige Zeit nachher gab er ihr und seinem Kind einen Trank, wodurch beide in einen tiefen Schlaf fielen und nicht wieder erwachten.
In der dritten Nacht nach ihrem Tod kam die Magd vor das Pfarrhaus und zog an der Glocke. Als der Pfarrer zum Fenster heraussah, vernahm er eine Stimme, die rief:
Gott einmal verschworen,
Ist ewig verloren!
Hierauf ist sie verschwunden und hat sich niemals wieder gezeigt.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
