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Eine Zigeunerin macht Hagel
Eine mündliche Überlieferung aus Wurmlingen
In der Gegend von Horb kam vor mehreren Jahren eine alte Zigeunerin in das Hans eines reichen Bauern und bettelte die Hausfrau an und erbot sich zugleich, ihr allerlei, was sie wissen wolle, zu wahrsagen. Die Frau fragte, ob ihr Mann ihr wohl treu sei. Die Zigeunerin sagte Nein, denn er habe heimlichen Umgang mit einer Magd des Hauses.
Der Mann aber, der gehorcht und alles mit angehört hatte, sprang zornig hervor, ergriff in der Küche ein Holzscheit und prügelte sowohl seine Frau als auch die Zigeunerin und sagte der, sie schwatze solche Sachen bloß deshalb den Weibern vor, um ihnen das Geld abzulocken. Die Zigeunerin aber machte, dass sie fortkam, und erzählte draußen im Feld den Arbeitern, was ihr begegnet war und sagte zugleich: »Dem Bauersmann sollten die Schläge teuer genug zu stehen kommen.«
Dann ging sie noch etliche Hundert Schritte weiter, nahm ihr Taschenmesser, scharrte damit ein Löchlein auf der Straße und ließ ihr Wasser dahinein laufen. Die Leute auf dem Feld sahen, wie die Zigeunerin allerlei Zauberzeichen auf der Stelle machte. Und alsbald stieg ein starker Nebel von dem Löchlein auf und bildete sich in der Luft zu einer schwarzen Gewitterwolke, aus der nach zwei Stunden ein so furchtbares Hagelwetter hervorbrach, dass alle Früchte in Feldern und Gärten und alle Fenster an den Häusern auf zwei Stunden weit zerschlagen wurden. Die alte Zigeunerin aber hat sich seit der Zeit nie wieder dort sehen lassen.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
