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sagen:sagenschwaben205

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Eine Hexe als Sau und Gans

  Eine mündliche Überlieferung aus Reutlingen

Ein Mann aus Reutlingen sperrte eines Tags eine Gans, die verlassen auf der Straße stand, in seinen Stall und fand am anderen Morgen statt der Gans ein nacktes Weibsbild im Stall.

Ein anderer Mann, ein Metzger, der noch ledig war, sah einst in der Nähe der Reutlinger Kirche eine Sau, die war herrenlos und schien sich verlaufen zu haben, weshalb er sie mitnahm und in seinen Stall ließ. Als er aber am anderen Morgen nach ihr sehen wollte und den Stall aufmachte, saß eine fasernackte Frau darin. Die bat ihn um alles in der Welt, ihr doch Kleider zu holen von ihrem Mann und sie nicht zu der Schande zu zwingen, dass sie nackt heimgehen müsse. Der Bursche ließ sich endlich dazu bewegen, ging zu ihrem Mann und holte einige Kleider. Zugleich aber gab ihm der Mann auch noch Geld, damit er doch ja von der Sache schweigen möge, was er ihm auch versprach. Dann brachte er der Frau die Kleider und ließ sie frei. Allein aus Zorn darüber, dass er für das Holen der Kleider Geld genommen hatte, ritt ihm diese Hexe nun alle seine Pferde zusammen und verdarb ihm sein Vieh und fügte ihm überhaupt so viel Schaden zu, wie sie nur konnte.

Da klagte der Mann einst seine Not einer armen Frau, die ihn besuchte. Die sagte, sie wolle ihm helfen. Sie verlangte einen Besen, ging damit die Treppe hinauf und schlug ihn so lange auf die Stufen, bis dass er ganz hin war. Dann sagte sie zu dem Mann, nun solle er die böse Frau einmal besuchen. Wie er hinkam, hieß es, sie sei krank. Als er sich nicht abhalten ließ und zu ihr in die Kammer drang, lag sie da im Bett, indem ihr ganzes Gesicht wie mit Ruten zerschlagen und zerfetzt war. Darauf fragte er sie, was ihr denn fehle.

»Ich ging die Bühnentreppe hinauf«, sprach sie, »und da bin ich so krank geworden.«

»Das ist dein Lohn, den du längst an mir verdient hast,« sprach der Mann.

Und bald darauf ist sie gestorben.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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