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Der Gaisritt
Eine mündliche Überlieferung aus Derendingen
In einem Dorf lebten zwei Schneider, davon der eine ein Hexenmeister war und bei der großen Versammlung der Hexen niemals fehlte. Der andere wünschte die Reise auch einmal zu machen und bat den Hexenmeister, dass er ihn das nächste Mal mitnehmen möge, was ihm dieser auch versprach. Als die Zeit da war, bestieg der Hexenmeister seine Geiß und ließ den anderen seinen Geißbock reiten, warnte ihn aber, dass er unterwegs ja nicht reden solle.
So ritten sie stillschweigend dahin und kamen an einen breiten Strom, über welchen der Hexenmeister, der voranritt, mit einem einzigen Sprung hinübersetzte.
Da brach der andere Schneider vor Bewunderung in die Worte aus: »Gotts Blitz, wenn deine Goas schaun so Sprüng macht, wia wurd mein Bock do springa!«
Kaum hatte er dies ausgesprochen, so plumpste der Schneider ins Wasser und der Bock war verschwunden. Er musste aber 300 Stunden gehen, ehe er wieder nach Hause kam.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
