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sagen:sagenschwaben173

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Der Bau des Reiffenstein

  Eine mündliche Überlieferung aus Beuren bei Neuffen

Dem Heimenstein gegenüber erheben sich auf einer Felsenkrone des Neidlinger Tals die Ruinen des Schlosses Reiffenstein, das ein Riese sich hat erbauen lassen. Einst erhob er sich nämlich aus seiner Höhle und rief in das Tal hinab, dass es weithin vernommen wurde: »Wer arbeiten wolle, der möge zu ihm kommen und ihm ein Schloss bauen.« Da entstand alsbald ein großes Gewimmel, und aus der Nähe und Ferne strömte allerlei Volk herbei, Maurer, Schlosser und Zimmerleute, um für den Riesen zu arbeiten, und erbauten ihm auf hohen Felsen ein mächtiges Schloss. Als es fertig war und der Riese es besah, fand er, dass an einem Fenster ganz oben noch ein Nagel fehlte, worauf er erklärte, dass keiner eher seinen Lohn bekomme, bis der Nagel eingeschlagen sei. Der aber, welcher das Wagstück unternehme, solle noch einen ganz besonderen Lohn erhalten. Da stieg nun mancher Schlosser, Schmied und Zimmermann auf das Schloss und hätte den Lohn wohl verdienen mögen. Wie sie aber in den tiefen Abgrund hinabschauten, vergingen ihnen alle Lust und aller Mut.

Da war auch ein junger Schlossergeselle, der liebte seines reichen Meisters Töchterlein. Weil er aber arm war, wollte der Vater ihm die Tochter nicht geben, dass ihm schier das Herz brach und das Leben ihm verleidet war. Der dachte: »Du sollst den Nagel einschlagen, vielleicht gelingt dir’s. Sonst aber ist es ja eins, ob ich hier oder dort zugrunde gehe.« Er begab sich zu dem Riesen und meldete sich zu der Arbeit. Und wie der Riese den jungen Mann so entschlossen ans Fenster treten sah und er sich hinauswagen wollte, da ergriff ihn der Riese mit einer Hand und hielt ihn frei zum Fenster hinaus, worauf der Geselle den fehlenden Nagel so keck hineinschlug, dass es den Riesen freute und derselbe ihn reichlich beschenkte. Darauf hat der alte Schlosser gern sein Töchterlein dem kühnen Gesellen zur Frau gegeben.

Andere sagen, der Riese habe seine eigene Tochter dem Schlossergesellen zur Frau gegeben und dazu noch große Schätze.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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