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Die drei Brüder auf Wielandstein
Eine mündliche Überlieferung aus Oberlenningen, Owen und Beuren
Auf einer hohen Felswand, eine Viertelstunde von Oberlenningen, liegen auf schroffen Felsen die Ruinen der dreifachen Burg Wielandstein, auch Schlösslesruine genannt. Hier lebten in alten Zeiten drei Brüder in solcher Feindschaft miteinander, dass sie nicht einmal das Wasser aus einer gemeinsamen Quelle trinken mochten, sondern es aus drei verschiedenen Brunnen holten. Der eine holte es aus dem Wasserfall bei der Torfgrube (andere nennen statt dieser das nähergelegene Tal Dobel, wo sich gleichfalls eine Quelle befindet). Der andere schöpfte es aus dem Brunnen im Tal, das Rinnebuckel heißt und von wo ein Fußweg auf den Wielandstein führt, den die Brüder noch miteinander angelegt haben sollen. Der Dritte endlich, der Inhaber der eigentlichen Burg Wielandstein, ließ es aus der Lauter holen und gab der Magd jedes Mal einen Wolf statt eines Hundes als Führer mit. Zuletzt bauten sich zwei Brüder rechts und links vom Wielandstein eigene, kleinere Schlösser, von denen noch Spuren zu sehen sind. An dem einen, das mit seinen steilen Felsen wie ein Turm ins Dobelthal ragt, will das Volk noch eine in Stein gehauene Kegelbahn erkennen. Bei dem auf der anderen Seite gelegenen sieht man einen Gartenplatz, in welchem vor einigen Jahrzehnten noch drei uralte Birnbäume gestanden haben sollen. So erzählt man in Oberlenningen.
In Owen dagegen sagte ein älterer Mann, der es von seinem Vater wusste: Die Nebenschlösser bei Wielandstein seien bloß Burgställe des Hauptschlosses gewesen. Die beiden anderen Brüder hätten sich vielmehr auf dem Rauber oder Diepoldstein und auf der Teck angebaut, und die Sibylle sei die Mutter dieser drei Brüder gewesen. Im ganzen Lenninger Tal aber sagt man, wenn Brüder uneinig sind und sich befeinden: »Ihr sind Kerle wie die drei Brüder auffem Schlössle!« Oder überhaupt, wenn Leute sich zanken, heißt es gleich: »Die sind wie die drei Brüder auffem Schlössle.«
Endlich erzählt man in Beuren, die drei Brüder vom Wielandstein hätten die Schlösser auf Teck, Reuffen und Urach bewohnt, und obwohl dieselben zwei Stunden weit auseinanderliegen, doch durch ein Sprachrohr miteinander reden können.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
