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Der Durchzug des Mutesheeres 2
Eine mündliche Überlieferung aus Thieringen
Durch das Dorf Thieringen, im Oberamt Balingen gelegen, kam sonst alljährlich das Mutesheer mit Saus und Braus und zog namentlich durch ein bestimmtes Haus, in welchem man deshalb immer Türen und Fenster aufmachen musste, sobald man es kommen hörte. Da dachte einstmals der Hausherr, er wolle doch einmal aufbleiben und zusehen, was es mit dem Mutesheer denn eigentlich auf sich habe, und blieb deshalb, als es eben hindurchfuhr, in der Stube sitzen. Da rief aber eine Stimme: »Streich dem da die Spältle zu!« Und alsbald däuchte es dem Mann, als ob ihm jemand mit dem Finger um die Augen herumfahre, worauf er plötzlich erblindete. Alle Mittel, die er anwandte, um wieder sehend zu werden, halfen nichts. Da gab ihm eines Tages jemand den Rat, er solle doch das nächste Mal, wenn das Mutesheer wieder durch sein Haus fahre, sich ins Zimmer setzen. Schaden werde es auf keinen Fall. Diesem Rat folgte der Mann, und als das Heer im folgenden Jahr wiederum hindurchzog, so rief eine Stimme: »Streich dem da auch die Spältle wieder auf!«, worauf der Mann eine Berührung um seine Augen herum fühlte und mit einem Mal wieder sehen konnte. Da erblickte er auch das ganze Mutesheer. Das war eine Schar von ganz verschiedenen Menschen von Alten und Jungen, von Männern und Weibern, und die machten einen wilden Lärm.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
