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sagen:sagenschwaben107

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Der Haalgeist

  Eine mündliche Überlieferung aus Hall

In Schwäbisch-Hall gibt es einen Geist, den man nach dem Salzbrunnen oder »Haal«, wo er umgeht, allgemein den Haalgeist (»Hoolgaascht«) nennt. Er ist ein alter Salzsieder und zeigt sich immer drei bis vier Tage vor einer Überschwemmung, trägt eine Laterne in der Hand und schreitet vom Kocher her auf die untere Stadt zu, indem er beständig mit lauter Stimme ruft: »Raumt aus! Raumt aus!« So weit er aber vorwärts geht, so weit tritt jedes Mal in den nächsten Tagen der Kocherfluss aus. Dieser Geist, den man auch im Kocher patschern hört, ist schon öfters bis in die Stadt gekommen, worauf die Leute Keller und Häuser ausgeräumt und durch den Erfolg bestätigt gefunden haben, dass der Haalgeist genau die Ausdehnung einer Überschwemmung anzeigt. Auch will man ihn schon vor einer Feuersbrunst gesehen und gehört haben.

Der Haalgeist, den man auch wohl »Ododele« nennt, tut niemanden etwas, der ihn ruhig gehen lässt. Ruft man ihn aber aus Fürwitz herbei, so zeigt er sich in einer erschreckenden Gestalt, zum Beispiel als schwarzer Pudel oder als zottiges Kalb mit fenstergroßen, feurigen Augen, dass die Menschen sich entsetzen und krank werden. Ganz schlimm ergeht es einem, der es wagt, ihn zu necken. So wollte einmal ein Nachtwächter, namens »Popi«, den Haalgeist »vexieren«, wurde dafür aber von ihm bei der Henkersbrücke in den Kocher geworfen und ertrank.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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