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sagen:sagenschwaben081

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Der bodenlose See

  Eine mündliche Überlieferung aus Empfingen im Fürstentum Hechingen

Zwischen Empfingen und Nordstetten, in dem sogenannten Seewald, liegt ein kleiner See, der ist nicht zu ergründen und heißt deshalb der »bodenlose See«. An der Stelle des Sees soll früher ein Kloster gestanden haben. Die Nonnen darin führten aber ein schändliches Leben und tanzten mit den Buben aus Empfingen und Nordstetten und liebten sie. Dafür traf bei einem Gewitter ein Blitzstrahl das Kloster, worauf es mitsamt den Nonnen in die Tiefe gesunken ist. Wenn ein Unglück bevorsteht, sieht man eine kleine nackte weibliche Figur, die bis an die Brust im Wasser schwimmt, in diesem See und bemerkt deutlich, dass sie weint. Man vermutet, dass die untere Hälfte dieses Seeweibchens, die noch niemand gesehen hat, die Gestalt eines Fisches habe.

Andere sagen, auf dem Platz des Sees habe ein Wirtshaus gestanden, in welchem man immer des Sonntags getanzt und allerlei Gottloses verübt habe. Deshalb sei es versunken. In dem See aber leben drei weiße Fräulein, die seien schon oft um den See herum gewandelt und nach Empfingen zu Hochzeiten und Tänzen gekommen. Es gibt noch jetzt einen Platz in Empfingen, auf dem sonst eine alte Linde stand, der sogenannte »Tanzplatz«, wo sie oftmals getanzt haben. Einst fragte aber jemand, woher sie denn eigentlich kämen? Da haben sie es zwar gesagt, sind aber seitdem weggeblieben. Nur zur Adventszeit soll man sie noch immer im Seewald sehen können.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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