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Vergiss das Beste nicht!
Mündliche Überlieferung aus Brackenheim
Ein armer Kuhhirt aus Eibensbach hütete einst im Spätherbst in der Nähe der Ruine Blankenhorn und sah, als er mit seiner Herde »heimfahren« wollte, eine große schöne Schlüsselblume (primula veris) am Heuchelberg stehen. Die hatte er sonst nie in dieser Jahrszeit noch blühen sehen, brach sie sich deshalb ab und steckte sie an den Hut. Alsbald wurde ihm der Hut so auffallend schwer, dass er ihn abnahm. Da steckte statt der Blume ein silberner Schlüssel daran, und zugleich sah er eine schneeweiße Jungfrau vor sich stehen, die sagte ihm, mit dem Schlüssel möge er die Tür aufschließen, die er plötzlich am Berg erblickte, und möge von den goldenen und silbernen Schätzen, die er finden werde, so viel mitnehmen, wie er wolle.
Dann fügte sie hinzu: »Vergiss aber das Beste nicht!« Und das wiederholte sie ihm dreimal.
Darauf öffnete der Mann mit dem silbernen Schlüssel die Tür und füllte seine Taschen und Ärmel mit Gold und Silber, wurde aber alsbald von solcher Angst befallen, dass er mit seinen Schätzen forteilte und in der Eile nicht daran dachte, auch den Schlüssel mitzunehmen. Hätte er den nicht vergessen, so wäre ihm auch später der Zugang zu den Schätzen geöffnet geblieben, und zugleich würde er das weiße Fräulein erlöst haben. So aber konnte er die Tür später nicht wiederfinden, obwohl er mehrmals danach suchte. Für sich freilich bedurfte er keiner weiteren Schätze, denn er hatte gleich das erste Mal sich reichlich versehen.
Indes besorgte er, dass seine Mitbürger nicht glauben würden, er habe auf ehrliche Weise so viel Geld erworben, und wanderte deshalb aus nach Amerika. Bevor er aber fortzog, hat er die vorstehende Geschichte in Eibensbach erzählt.
Später hat er noch einmal aus Amerika geschrieben und soll unter anderem geäußert haben:
Eibensbach und Blankenhorn
tut mir und meinen Kindern wohl.
Das ist aber schon lange her, dass dies geschehen ist. Danach hat schon mancher bei Blankenhorn nach Schätzen gesucht und gegraben, aber keiner hat etwas gefunden.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
