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Das weiße Fräulein bei Bietigheim
Mündliche Überlieferung aus Bietigheim
Zwischen Bietigheim und Besigheim geht seit alter Zeit ein weißes Fräulein um. Einst traf sie mittags um 12 Uhr ein Mann aus Bietigheim, Namens Pochterle, indem sie im dortigen Wald auf einem Felsen, auf dem sogenannten »Kahlenstein« saß. Von diesem Felsen führt der Sage nach anderthalb Stunden weit bis auf den Asberg ein unterirdischer Gang, den man im Dreißigjährigen Krieg gemacht haben soll, um Habseligkeiten dorthin zu retten. Über der Tür dieses Eingangs saß die Jungfrau und winkte dem Pochterle, der ein frommer Mann war. Darauf ging er nach Bietigheim zurück, weil er über die Brücke musste, wenn er zu ihr wollte. Und wie er hinkam, sagte sie ihm, sie habe bei der Tür des Eingangs ihre Aussteuer vergraben, sei darüber verstorben und müsse deshalb nun schon Jahrhunderte lang »schweben.« Er aber könne sie erlösen. Er möge den Schatz hervorsuchen und nehmen und sich nur nicht fürchten vor den Erscheinungen, die er wahrnehmen werde. Der Mann versprach ihr das. Als nun aber eine Menge schrecklichen Getiers, schwarze Pudel und der Böse selbst hervortraten, wurde es dem Mann angst und bang ums Herz. Er stand alsbald vom Suchen ab und lief eilig fort, war aber nach drei Tagen eine Leiche.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
