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Das weiße Fräulein in Edelmanns-Wald
Mündliche Überlieferung aus Neubulach
Zwischen Berneck und Altensteig sieht man noch die Grundmauern eines alten Schlosses, dass man Edelmanns-Wald nennt. Dort geht ein weißes Fräulein um, das schon mancher hat erlösen sollen.
Noch kürzlich ist es einem Mädchen erschienen und hat diesem gesagt: Du könntest mich erlösen. Komm doch auf das Schloss! Da werde ich als Schlange erscheinen und dir um den Hals fallen. Du musst aber einen Wacholderstrauß mitbringen und mit diesem die Schlange ein wenig schlagen, dann wird sie fortgehen und dir nichts zuleide tun. Dies ist das Erste. Hierauf musst du später noch einmal kommen. Alsdann wird eine Tür aufgehen, und sobald du durch diese gegangen bist, wird sie sich wieder schließen. Du wirst dann einen Pudel auf einer Truhe sitzen sehen. Den musst du wegheben, worauf der Deckel der Truhe sich öffnen wird. Die Truhe ist mit Geld gefüllt, davon du dir so viel nehmen darfst, wie du tragen kannst. Es darf aber niemand mit dir kommen. Außerdem muss dies alles unberaffelt (unbeschrien) geschehen.«
Das weiße Fräulein bestimmte dem Mädchen auch noch die Tage, an denen die Erlösung vorgenommen werden sollte, ebenso die Stunde. Es sollte nämlich nachts zwischen elf und zwölf Uhr geschehen. Das Mädchen vollbrachte auch in der ersten Nacht alles gerade so, wie es das Fräulein ihm gesagt hatte und fürchtete sich nicht, als eine Schlange sich ihm um den Hals legte, sondern berührte sie mit dem Wacholderstrauß, worauf sie sich loswand und fortkroch. Als das Mädchen aber zum zweiten Mal auf das Schloss wollte, begegneten ihm drei betrunkene Männer und beschrien es. Da war alles umsonst, und das unschuldige Fräulein muss nun noch immer umgehen. Sie ist aber sehr gutmütig und tut niemanden ein Leid an.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
