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Die Edelfrau

  Eine mündliche Überlieferung aus Mittelstadt

In der Nähe von Mittelstadt, am jenseitigen Ufer des Neckars, wohnte in dem Keller eines zerstörten Schlosses eine Edelfrau, die war klein von Gestalt und ganz weiß von Ansehen. Sie kam zuweilen bis auf die Neckarbrücke und kehrte dann um. Oft winkte sie auch den Kindern und bot ihnen Sträuße an. Sobald die Kinder hinzutraten und sie nehmen wollten, so verschwand sie. Um Weihnachten hörte man sie beständig Windeln waschen, und zwar am Wasserfall des Märzenbach, der in den Neckar fließt.

Da war einst ein Kelterknecht namens Müller in Mittelstadt, der traf im Feld oftmals die Edelfrau. Sie unterhielt sich gern mit ihm und sagte ihm endlich, dass er der einzige Mann sei, der sie erlösen könne und der auch den Mut dazu habe. Er solle doch in ihre Wohnung in den Keller gehen. Dort stehe eine mit Geld gefüllte Truhe, auf der ein Pudel sitze und sie hüte. Diesen Pudel solle er fassen und wegheben und sich nur nicht fürchten, wenn er auch Feuer speie. Alsdann würden Nattern, Eidechsen, Blindschleichen und anderes Getier an ihm hinauflaufen und über seine Schultern und den Rücken wieder hinabkriechen. Allein er dürfe keine Angst haben, es geschehe ihm gewiss nichts, denn sie selbst sei es ja, die in diesen Tieren erscheinen müsse. Wenn er dies alles still aushalte, ohne ein Wort zu reden, so sei sie erlöst, und der Schatz in dem Keller gehöre dann sein.

So sprach die Edelfrau oftmals zu dem Kelterknecht, indem sie ihn stets bis an die Neckarbrücke begleitete. Er konnte sich aber nicht dazu entschließen, sie zu erlösen, und antwortete ihr jedes Mal: »Gott helfe dir! Ich kann nicht.«

Als sie endlich sah, dass all ihr Flehen umsonst war, so jammerte sie laut und sprach: »Jetzt muss ich noch dreihundert Jahre schweben, ehe mich wieder jemand erlösen kann.« Und während sie das sagte, entstand zugleich ein heftiger Sturm, der heulte entsetzlich.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852


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