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Die Urschel schießt Korn vor
Eine mündliche Überlieferung aus Reutlingen
Ein armer Mann aus Reutlingen, bei welchem die Urschel eines Abends spann, klagte ihr seine Not, dass er kein Korn mehr habe. Darauf sagte sie ihm, er solle am anderen Tag an den Eingang ihrer Höhle auf den Berg kommen. Dort solle er Korn erhalten; allein sie leihe es ihm nur, und sobald er geerntet hatte, müsse er es zurückgeben. Da fuhr der Mann am folgenden Tag auf den Urschelberg, fand das versprochene Korn an der bezeichneten Stelle und nahm es mit heim und verbrauchte es.
Als nun die Ernte nahe war, besah der Mann eines Sonntags sein Feld, fand das Korn reif, ließ es schneiden und dreschen und brachte alsbald auch auf den Urschelberg den entlehnten Sack voll Korn. Einige Tage später kam er wieder auf den Berg und sah, dass das Korn noch auf demselben Platze stand, wo er es abgeladen hatte.
Da rief er der Urschel zu, er habe ihr das Korn zurückgebracht, ob es nicht richtig sei.
Sie antwortete: »Nein, sie könne es nicht nehmen, weil er es am Sonntag besehen habe.«
Deshalb, bemerkte die Erzählerin, vermeiden es noch jetzt manche Leute, an einem Sonntag nach den Kornfeldern zu sehen.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
