<<< vorherige Sage | Kapitel 1 | nächste Sage >>>
Das versunkene Schloss
Eine mündliche Überlieferung aus Pfullingen
Dicht bei dem Nachtfräuleinsloch, etwa 170 Schritt unterhalb des »Hämmerle«, erhebt sich ein kleiner Hügel, auf dessen Spitze ein Signalstein gesetzt wurde. Dort soll in alten Zeiten ein Schloss gestanden haben und mit unendlichen Schätzen in die Tiefen gesunken sein.
Bei Nacht kam einmal eine Frau aus Reutlingen an dem Platz vorbei, sah plötzlich ein prächtiges Schloss vor sich stehen und ging hinein. Darin traf sie Männer und Frauen. Die gaben ihr zu essen und zu trinken, soviel sie mochte. Als sie hierauf nach Pfullingen kam und die Leute fragte, wem denn das stolze, glänzende Schloss da oben am Berg gehöre, wo sie so herrlich bewirtet worden war, da konnte ihr niemand Auskunft darüber geben.
Ebenso sagt man, dass auf der Höhe des eigentlichen Urschelberges (auf dem Hohberg oder Hauberg) noch ein zweites Schloss versunken sei und nun in der Tiefe des Urschelberges, der hohl sein soll, von der alten Urschel bewohnt werde.
Den ganzen Berg soll eine goldene Kette umschließen und die unterirdischen Schätze des Schlosses zusammenhalten.
Ein Mann aus Pfullingen hatte viel von diesem Schloss gehört und ging deshalb einmal bei Nacht hinauf. Er fand dort auch richtig ein Schloss und zog an der Glocke, die an der Tür hing, worauf ein weißes Fräulein hervortrat und ihn fragte, was er wolle. Er war verlegen und wusste nicht, was er antworten sollte, und sagte deshalb, er hätte sich verirrt. Da ging das Fräulein zurück, kam aber alsbald mit einer Laterne wieder, um ihn den Weg nach Pfullingen zu zeigen, und führte ihn traurig die Treppe hinab. Während sie miteinander gingen, fragte der Mann sie mancherlei, erhielt aber keine Antwort. Endlich, als er dicht bei seinem Haus war, zeigte das Fräulein darauf und sprach: »Da geht’s hinein!« Dann wandte es sich um und ging zurück.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852
