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sagen:sagenbuchlausitzi-297

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Die Wunderblume auf dem Löbauer Berge II

  Gräfe S. 500.

Die Johannisnacht war auch in Löbau mit mancherlei Schwank und Scherz gefeiert worden, die Lichter erloschen allmählich in den Häusern, da trat ein Mädchen aus einer niedrigen Hütte, die einsam am Fuße des Löbauer Berges stand. Mit verweinten Augen blickte sie hinauf zu dem Sternenzelte und seufzte: „Wann wird mein armes Herz Ruhe finden!“ Vater und Mutter und Geliebter waren ihr kurz nach einander gestorben und sie hatte heute Abend nach alter Sitte ihre Gräber geschmückt und an ihnen gebetet. Da ging sie durch das thauige Gras den Berg hinauf, und vor ihr schwebte ein Irrlicht, dem sie unbewußt folgte.

Der Wald wurde immer dichter, die Tannen rauschten traulich in der Einsamkeit. Plötzlich sieht das Mädchen durch die Bäume hellen Glanz schimmern, sie eilt darauf zu und vor ihr steht die Wunderblume mit ihrem leuchtenden Kelche. So hatte sie ihr einst der Vater geschildert, als sie allabendlich, das Köpfchen auf die Hand gestützt, seinen Erzählungen lauschte, und immer hatte er dazu ge sagt, daß wer sie pflückte zum höchsten Glücke gelange. Es war ihr, als tönte es aus dem Kelche: Pflück mich ab, pflück' mich ab. Und als sie die Blume abgepflückt hatte, verlosch der Glanz und der Wald war wieder dunkel wie zuvor.

Am andern Morgen fanden Kinder, welche Beeren suchten, das Mädchen todt mit gefalteten Händen liegen. Die Wunderblume hatte ihr das höchste Glück beschert, des Himmels Seligkeit.

Anmerkungen: Es ist ein zarter und rührender Zug der Sage und der uralten Volkspoesie, daß die entweichende Seele durch eine aufblühende Blume versinnbildlicht wird. Ein Kind trägt eine Rosenknospe heim, die ihm ein Engel im Walde geschenkt hat. Als die Rose erblüht, ist das Kind todt. (Grimm, K. M. 2. 295, vergl. Grimm's deutsch. S. 477.) Allgemein verbreitet ist die Anschauung, daß die Seele als Blume aus dem Grabe wächst. Ein Liebespaar stirbt, aus des Mädchens Grabe wächst eine Rose, aus des Jünglings Grabe eine Rebe, die wachsen beide ineinander.

Quelle: Karl Haupt, Sagenbuch der Lausitz, Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann,1862


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