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sagen:sagenbuchlausitzi-248

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Der Geldkeller auf dem Löbauer Berge - Zweite Sage

Zwei Knaben spielten einst auf dem Löbauer Berge und zwar in der Gegend des sogenannten Geldkellers. Dem einen von ihnen entführte der Wind sein leichtes Strohhütchen und wehte es in die Tiefe einer Felsenkluft. Der Knabe weinte und schrie, doch dadurch gelangte er immer noch nicht wieder zu seinem Eigenthume. Aus Furcht vor Strafe, wenn er ohne sein Hütchen nach Hause zurückkehrte, gab er sich nun alle mögliche Mühe, es wieder aufzufinden, kletterte und kroch von einem Stein auf den anderen und gelangte endlich in die Tiefe der Kluft, ohne aber sein liebes Hütchen ausfindig zu machen.

Jetzt entdeckte er eine in den Fels hineingehende Höhle. Hier glaubte er nun das Gesuchte finden zu müssen und gerieth so, ohne daß er es dachte, von Tiefe zu Tiefe, bis sich endlich ein ungeheurer und weiter Felsenkeller seinen erstaunten Blicken aufthat. Hier sah er nun zwar immer noch nichts von seinem Hütchen, wohl aber erblickte er eine ganze Gesellschaft Herren, die um einen großen runden Tisch herumsaßen und zu spielen schienen, kein lautes Wort aber von sich hören ließen. Im Hintergrunde des Kellers aber standen ganze unermeßliche Braupfannen voll von blanken Thalern und Goldstücken.

Die stummen Herren winkten dem Knaben freundlich, sich von den aufgehäuften Schätzen zu nehmen und einzustecken, doch ein gräßlicher feuerschnaubender Hund vertrat ihm furchtbar den Weg, daß er fast allen Muth verlor. Von Neuem aber winkten die Herren und der furchtbare Hund zog sich etwas zurück.

Auf dringendes und wiederholtes freundliches Zuwinken wagte es endlich der Knabe sich heranzuschleichen, ging nun hart an dem Hunde vorbei, so daß er fast über ihn hinweg steigen mußte, und steckte sich von den blanken Thalern und Goldstücken so viel ein, als nur in seinen kleinen Taschen Platz hatte. Nun schon dreister gemacht, da Alles ohne Gefahr für ihn abgelaufen war, machte er sich auf den Rückweg, der ihm auch weder von dem feuerschnaubenden Hunde noch von den stummen Herren an dem großen runden Tische streitig gemacht wurde. Froh über sein unverhofftes Glück, das ihn statt seines strohernen Hütchens einen so großen Schatz finden ließ, stieg er nun wieder in der Felsenkluft empor, war ohne viele Mühe und ehe er es dachte wieder oben auf dem Berge und eilte mit der Baarschaft vergnügt nach Hause.

Der andere Knabe, der mit diesem auf dem Berge war, hatte mit Ungeduld auf die Rückkunft seines Gefährten aus der Felsenkluft geharret und beinahe schon gefürchtet, daß er wohl verunglückt sein könnte. Doch als er ihn nun nicht nur gesund und wohlbehalten, sondern sogar mit reichen Schätzen beladen wiederkehren sah und noch obendrein hörte, wie leicht und gefahrlos er dazu gelangt sei, so stieg auch in ihm Gedanke auf, sein Glück bei jenen unterirdischen Schatzmeistern zu versuchen.

Er warf daher sein Hütchen absichtlich in die Felsenkluft und kletterte ihm nach. Nach langem Klettern kam auch er in den Felsenkeller. Aber die stummen Herren an dem großen runden Tische sahen ihn mit böser und zürnender Miene an und bedrohten ihn aufs strengste, wenn er es wagen würde hineinzukommen; auch der feuerschnaubende Hund sah so grimmig aus, als wenn er ihn auf der Stelle zerreißen wollte. Da machte sich der Knabe so schnell er nur konnte auf die Beine und war nur froh, mit heiler Haut und lebendig davongekommen zu sein. Nur mit großer Mühe konnte er die steile Höhe wieder erklimmen, schund sich noch dabei die Knie wund und mußte mit zerrissenen Hosen und ohne Hut nach Hause gehen. Welche Belohnung ihn dort empfing, kann man sich denken.

Quelle: Karl Haupt, Sagenbuch der Lausitz, Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann,1862


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