Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


sagen:sagenbuchlausitzi-212

<<< vorherige Sage | Fünfte Abtheilung: Zaubersagen | nächste Sage >>>

Der Krystallsarg im Kottmarsberge

  Nach Gräve S. 204.

Es war einmal ein Graf und eine Gräfin, die waren unermeßlich reich und hatten nur ein einziges Töchterlein, das sie unbeschreiblich lieb hatten, und die Tochter liebte wieder ihre Eltern, so daß sie sagte, sie wolle nie heirathen und bei ihren Eltern bleiben, bis sie stürben. Dann aber wollte sie nach Rom gehen und sich taufen lassen, denn es war noch zu den Zeiten des Heidenthums. Die Jungfrau war aber so wunderschön, daß sie sich vor ihren Freiern gar keinen Rath wußte. Es kam immer einer nach dem andern, obgleich sie alle den Entschluß der Jungfrau kannten; aber sie mußten alle traurig abziehen und das Land war voll Trauer, daß die Schönste im Lande nicht heirathen wollte. Der schönste von den Freiern war aber ein böser Zauberer. Der hatte ein großes Schloß über den Bergen im Böhmerwalde. Aber er konnte ihr nichts anhaben, denn sie trug ein silbernes Kreuz auf der Brust. Das hatte ihr einmal ein alter Einsiedler geschenkt.

Eines Tages aber kam eine alte Bettlerin vor das Schloß. Die stand vor der Thüre und bettelte. Das Fräulein eilte hinab, um ihr ein Almosen zu geben, und die Eltern sahen zum Fenster hinaus. Sie hatte aber ihr silbernes Kreuz in der Kammer liegen lassen. Da kam plötzlich ein goldener Wagen durch die Luft gefahren. Den zogen zwei fliegende Rosse und darinnen saß ein wunderschöner Knabe mit lichten Locken. Die Jungfrau wollte entfliehen, aber die Thüre war ins Schloß gefallen. Da ergriff sie der Knabe, hob sie auf den Wagen und führte sie weit hinweg über die Berge in das Schloß des Zauberers. Die Eltern jammerten und klagten Tag und Nacht, aber die Jungfrau kam nicht wieder.

Nach vielen Jahren aber kam der Einsiedler zu den einsamen Eltern und sie flehten ihn an, ihnen ihr Töchterlein wieder zu verschaffen. Er war aber ein heiliger Mann und konnte Wunder thun. Er führte die Eltern auf einen nahe gelegenen Berg. Da war eine Thür im Felsen. Durch die kamen sie in eine große Höhle. Die war herrlich erleuchtet von vielen Tausend Lampen, und in der Mitte stand ein krystallner Sarg. Da lag das holde Töchterlein in all ihrer Schönheit und frisch und roth, als wenn sie lebte, aber regungslos und stumm. Täglich gingen die Eltern in die Höhle und schmückten den Sarg mit Blumen und pflegten ihrer wie einer Lebenden. Jedesmal aber, wenn sie fortgingen, legten sie einen Stein unter den Sarg. Als sie starben begrub man sie in das Gewölbe, aber der Sarg war verschwunden; nur die Steine waren noch da.

Auf dem Kottmarsberge bei Kottmarsdorf zeigt man noch heute einen Einbug im Felsen, der einer Thüre nicht unähnlich ist. Dort, sagt man, sei die Höhle und Viele haben an jener Stelle drei blaue Flämmchen hin und her hüpfen gesehen.

Anmerkungen:

1. Vieles erinnert an Schneewittchen. Ohne die Erwähnung des Kottmarberges wäre es ein Märchen und keine Sage. Augenscheinlich ist der Zauberer verwandt mit dem Zwergenkönige der alten deutschen Heldensage, der als Laurin oder Goldemar die schöne Königstochter in seinen Berg entführt. (W. Grimm, Heldensage 174. J. Grimm, Mythol. S. 262.)

2. Aber diese Sage enthält auch die Spuren eines noch höheren Alterthumes. Wem möchte es entgehen, daß der Raub der Grafentochter (oder Königstochter) große Aehnlichkeit hat mit dem Raube der Persephone? Der Zauberer spielt mit seinem Wagen die Rolle des Pluto, sein böhmisches Schloß ist die Unterwelt. Die Trauer der Aeltern erinnert an Demeter's Schmerz. Auch hier ist die Rückkehr nur eine halbe. Der Schein tod tritt an die Stelle des zwischen Ober- und Unterwelt getheilten Lebens der Persephone. Da nun aber in der griechischen Mythe Persephone nichts Anderes bedeutet, als die sommerliche Erde, die einen Theil des Jahres dem finstern Gott des (Winter-) Todes zum Opfer fällt, so gewinnt nun auch die Verlegung der Sage nach dem Kottmarberge an Bedeutung, wo ja die wendische Göttin Mara noch heute als Blumen- und Früchte spenderin erscheint (s. No. 8.) – ganz wie Demeter in der griechischen Mythe. Die Grafentochter ist also eine wendische Persephone, die namenlose Tochter der Demeter-Mara. Zum Schluß verschwindet die Scheintodte, d. h. sie ist wieder aufgelebt. König Lenz hat sie befreit. Dies verschweigt die Sage. Das Hinlegen der Steine ist ein Mißverständniß. Das Umgekehrte ist das Ursprüngliche. Im Märchen von der verschlafenen Frau und ihrem starken Sohne (s. die Märchen im Anhange) wird ein Stein nach dem andern weggenommen, alle Jahre einer, nach sieben Jahren (sieben Monden – so lange dauert der Winter) ist endlich die Gefangenschaft zu Ende.

3. Dieses Mißverständniß erklärt sich aus der bis auf diesen Tag hier und da in der Lausitz üblichen Sitte, an der Stelle, wo Jemand gestorben oder begraben ist, aus Steinen (oder Reisern), zu denen jeder Vorübergehende einen Beitrag giebt, nach und nach einem Hügel zu bilden. Ein solcher Hügel heißt ein „todter Mann,“ die Sitte selbst das „Steine legen, Reiserlegen.“

Quelle: Karl Haupt, Sagenbuch der Lausitz, Leipzig, Verlag von Wilhelm Engelmann,1862


sagen/sagenbuchlausitzi-212.txt · Zuletzt geändert: von ewusch