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Die Mittagsfrau und das kluge Bauernmädchen

„Was macht den Lausitzer stark? - Kartoffeln, Leinöl und Quark!“ Diese uralte Weisheit ist heute durch die Wissenschaft vielfach bestätigt: Leinöl schützt vor Herz- und Gefäßkrankheiten. Der Spreewald war seit jeher ein Anbaugebiet für den Lein/Flachs, aus dessen Samen das Leinöl gewonnen wird. Aber auch die Pflanze selbst wurde verwendet. Die Flachsfasern wurden noch zu Urgroßmutters Zeiten zum Beispiel zu Bettwäsche. Die Verarbeitung von Flachs war sehr mühsam. Kein Wunder, dass die Menschen im Spreewald daraus ihren Stoff für Sagen webten. So in der Geschichte von der Mittagsfrau:

Wehe dem, der zur Mittagszeit noch auf dem Felde schafft! Der treffe die Mittagsfrau mit ihrer Sichel. Denn die Stunde der höchsten Sonne ist für die Ruhe bestimmt, sagten die Leute. Doch was tun, wenn die Mägde und Knechte ohne Pause auf den Feldern schuften mussten? So manch einer kam da vor Erschöpfung und Hitzschlag zu Tode. Die Mittagsfrau gab ihm den tödlichen Schnitt, wisperten dann die Leute. Kluge Mädchen aber konnten die Mittagsfrau überlisten.

So geschah es einmal, dass ein junges Ding auf dem Felde die Mittagsglocke vom Dorf nicht hörte. Da stand plötzlich die Mittagsfrau hinter ihr und hob die Sichel. „Ich fürchte mich nicht“ rief mutig das Mädchen. „Gut, ich will dir dein Leben lassen, wenn du mir eine Stunde lang vom Flachs erzählst“, entgegnete die Mittagsfrau. Beherzt begann das Mädchen ganz langsam an zu sprechen: „Mit dem Flachs hat der Bauer viel Arbeit, denn die Pflanze will guten Boden und viel Pflege.“ Und das Mädchen berichtete vom fleißigen Unkrautjäten, vom blühenden Flachs und vom Wachsen der Stängel. „Zur Ernte breiten die Frauen den Flachs erst zum Trocknen auf der Erde und bringen ihn später zum Dreschen in die Scheune.“ Die Samen, so erzählte das Mädchen weiter, kommen zur Ölmühle, dort wird goldgelbes Leinöl aus ihnen gepresst. Die Stängel aber werden erst zum Wässern in den Bach gelegt, dann zu Bündeln aufgestellt und getrocknet. Schließlich werden sie gebrochen und gehechelt. Dabei fallen die holzigen Teile ab und übrig bleibt das Werg – lange Fasern, die im Winter in den warmen Spinnstuben zu Garn gesponnen werden. Aus dem Garn wird graues Linnen gewebt und in der Sommersonne auf der Wiese schön weiß gebleicht, erzählte das Mädchen. Und hast-du-nicht-gesehen, war die Stunde um und die Uhr schlug eins. Da drehte sich die Mittagsfrau um und verschwand.

Quellen:


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