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Kröten verwandelt
Im Oberwald sind viele Orte, wo man Gold und Silber unter der Erde finden könnte. Auch ist schon dick danach gesucht worden. Drei Männer in Michelbach kannten solch eine Stelle, wo ein Schatz geblüht hatte, und beschlossen, denselben zu heben. Weil aber einer von ihnen, ein armer Flickschuster, eine dringende Abhaltung hatte, so gingen die zwei anderen allein hinauf. Doch statt Geld zu finden, krochen an dem Platz viele scheußliche Kröten umher, eine dicker und glotzäugiger als die andere. Ihr Ärger war nicht gering, zudem sie noch Säcke mitgebracht hatten, in der Hoffnung, recht viel zu finden. Da gerieten sie auf den Einfall, die Kröten in die Säcke zu raffen, so viel ihrer hineingingen, und sie dem Schuster hehlingerweise durch sein Aehrnloch ins Haus zu lassen. Danach wollten sie kommen und sich auslachen, wenn er darüber recht fudern und wettern würde. Gesagt, getan.
Am nächsten Morgen gingen sie hin und riefen durchs Fenster: »Schuster, wie gefällt dir das, was dir gestern durchs Aehrnloch beschert worden ist?«
»Über die Maßen«, antwortete der. »Geht schwinde herein, dass ich es euch zeige!«
Wie sie eintraten, führte er sie in seine Kammer. Da lag auf einem Tisch ein ganzer Haufen Goldstücke, wie man sie schöner nicht malen konnte. Das waren die Kröten gewesen, die sie mitgenommen hatten. Sie teilten nun brüderlich miteinander, wie es sich gebührt. Man sieht: Wenn etwas am unwertesten ist, ist es am wertesten. Das soll man sich merken.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
