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sagen:ohsb167

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Des Schulmeisters Magd

Es war ein Schulmeister, der hatte eine Magd, die musste jeden Tag in der Dämmerung zu Morgen und zu Abend läuten. Als sie wieder einmal zu der Kirche ging, sah sie einen Geist vor der Kirchtür stehen, der hatte eine weiße Strumpfkappe auf. Die entriss sie ihm mutwillig und eilte nach Hause, wo sie sich fest in ihre Stube einschloss. Gleich danach kam der Geist vor ihr Fenster und begehrte sein Eigentum zurück. Obwohl sie ihn eine Zeit lang zappeln ließ, tat sie es doch endlich, denn sie hatte ein gutes Gemüt. Vor der Kirche setzte sie ihm die Kappe wieder auf. Alsbald verschwand der Geist. Aber an seiner Stelle stand ein großes braunes Kalb vor ihr. Sie war ärgerlich darüber, denn sie dachte, das Kalb ihrer Herrschaft sei ihr aus dem Stall nachgelaufen und führte es dahin zurück. Da wurde sie gewahr, dass sie sich geirrt haben musste, denn nun waren zwei Kälber darin. Am anderen Morgen, als sie das Vieh beschicken wollte, sah sie nur wieder ein Kalb, aber ein schwerer Kalbfuß lag auf dem Boden, der war aus lauterem, köstlichem Gold. Sie nicht faul, raffte ihn schnell in ihr Schürztuch und verschloss ihn in der Lade ihrer Stube. Dann ging sie zu ihrem Schatz, denn so ein Mädchen hat immer seinen Anhang, und erzählte ihm von dem großen Glück, das ihr widerfahren war. Sie beratschlagten nun beide miteinander, wie sie das Gold, ohne dass es Aufhebens machte, in Sicherheit bringen könnten. Endlich wurden sie dahin einig, dass die Magd sich krank stellen und dann schürzen (den Dienst aufgeben) sollte. Danach sollte ihr Schatz kommen und ihr die Lade wegtragen. Sie führten auch richtig ihr Vorhaben aus, und es gelang ihnen. Der Schatz trug die Lade die Treppe herunter und gab sorgsam Acht, dass sie nicht irgendwo anstieß und das Gold klang. Als sie ihren Reichtum hübsch daheim hatten, hielten sie nicht lange Federlesens, sondern machten bald drauf Hochzeit und lebten ihr Lebtag dann vergnügt wie die Kohlmeisen.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873


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