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Das Sonntagskind
Ein jedes Menschenkind, das unter Glockengeläut oder auf einen gedoppelten Sonntag jung geworden ist, sieht Geister und kann verwünschte Personen erlösen. Wird es von diesen darauf angesprochen und hilft ihnen nicht, so hat es sein Leben lang kein Glück mehr. So erging es einem Schulmeister.
Eines Sonntags stieg er hinauf ins Gebirge, früh in der Morgendämmerung. Drunten im Thal läuteten die Morgenglocken und wie er sich recht umsah, stand er vor einem Felsen am Wege und sah dabei eine Frau, die wusch ein blutiges Hemd in dem Brunnen, der darunter entsprang. Der Schulmeister dachte an gar nichts, am wenigsten an Geister, und sprach ganz arglos: »Guten Morgen, Frau, ist das auch eine Arbeit am lieben Sonntag?«
Da schaute ihn die Frau an, sprach aber kein Wort und wusch emsig weiter. Das ärgerte ihn denn gewaltig, er tupfte ihr mit der Hand auf die Schulter und redete nochmals eben dieselben Worte.
»O, du Unglücksmann«, begann nun mit schmerzlichem Seufzen die Frau, »was bietest du mir guten Morgen? Hättest du gesagt: Gott schenke dir die ewige Ruhe, so wäre ich erlöst von dem Fluch und du hättest das gute Werk getan, wozu du als Sonntagskind bestimmt bist. Jetzt muss ich wieder lange hundert Jahre umgehen, bis einer kommt, der wie du unter Glockengeläut geboren ist. Aber geh nur hin, dein Gutes hast du gehabt im Leben!«
Der bestürzte Schulmeister wollte antworten, aber die Erscheinung war weg. Er hörte und sah nichts mehr davon. Tiefbetrübt ging er nach Hause und machte sich allerlei Betrachtungen über die Begebenheit. Doch das, was die Frau ihm vorausgesagt hatte, traf ein von Wort zu Wort. Sein Glück war verschüttet. Es ging ihm alles hinderlich im Amt und verdrießlich im Leben, zuletzt wurde er vom Dienst gesetzt und starb als elender Bettelmann auf der Landstraße.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
