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sagen:ohsb156

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Auf ewig verloren

Vor langen Zeiten arbeitete ein Mann aus Bollnbach unter dem Wirberg auf einer Wiese. Es war im Frühjahr und gegen Abend hin. Da fuhr mit entsetzlicher Geschwindigkeit und unter starkem Gedröhne eine große feurige Kugel den Klosterberg herab und gerade auf ihn los, dass ihm vor Angst die Haare zu Berge stiegen. Zugleich vernahm er in der Luft eine laute, klägliche Stimme: »O weh, o weh, o weh!«

Zitternd vor Aufregung rief er: »Kann ich helfen?«

Da antwortete es ihm: »O, komme doch um dieselbe Tageszeit auf den Himmelfahrtstag wieder hierher und halte nur deinen eisenbeschlagenen Stock fest vor dich. Da kannst du dann ein gutes Werk tun und es geschieht dir nichts!«

Der Mann sagte zu und das Ding verging ihm vor den Augen. Auf den festgesetzten Termin machte er sich an den wohlbekannten Platz. Er brauchte nicht lange zu warten, denn dieselbe Erscheinung kam wieder. Aber diesmal war alles furchtbarer als sonst. Die ganze Natur war wie im Aufruhr, der Wind sauste heulend ihm um die Ohren und die feurige Kugel, in der Größe eines Ohmfasses, rollte nicht bloß mit unbeschreiblicher Schnelligkeit den Berg herab, sondern riss auch alle Sträucher und Steine auf ihrem Weg mit sich fort. Mein Mann stand und hielt herzhaft feinen Stecken vor sich.

Eine Stimme ermutigte ihn: »Sei getrost und fürchte dich nicht!«

Als er aber mit der Kugel auch alles ringsum auf sich losstürmen sah, erfasste Grausen seine Seele. Er dachte: Du behältst kein ganzes Bein am Leib. Er sprang daher, so schnell er konnte, beiseite.

Nun rief es mit kläglichem Gebrüll, dass ihm das Blut zu Eis erstarrte: »Nun bin ich auf ewig verloren!«

Es tat einen Knall, dass einem davon das Trommelfell hätte platzen können. Damit hatte die ganze Geschichte ihr Ende.

Der verwunschene Geist war rettungslos der ewigen Qual verfallen.

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873


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