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sagen:ohsb117

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Wehrwolf verwundet

Es war zur Zeit der Heumahd, als einer der ersten Ansiedler von Klein-Eichen aus dem Dammgrund, wo er sich müde geschafft hatte, geruhlich heimkehren wollte. Auf einmal stürzt aus dem Bornwäldchen ein großer, dicker Wolf, deren es dazumal gar viele gegeben hat, heraus, geradewegs auf ihn zu und will ihn partout in tausend Stücke zerreißen. Er also flugs die Sense vom Buckel genommen und mit lautem Geschrei um sich geschlagen so lange er kann.

Eine geraume Weile dauerte dieser erbitterte Kampf, aber die Kräfte des Mannes ließen nach, seine Sense fiel ihm zu allem Unglück auch noch auseinander. Als er nun noch einen andern Wolf blutdürstig in seinem Rücken jappen hörte, gab er seine Partie für verloren und erwartete nichts anders als seinen Tod.

Doch das Gethier hinter seinem Rücken war kein Wolf, sondern sein treuer großer Hund, der, wie gerufen, dazu kam und ihm wüthend zur Hilfe herbeisprang. In einem Nu warf sich dieser auf den Unhold, riß ihn nieder, würgte ihn am Halse und zerbiß ihm zwei Beine, daß er so erbärmlich heulte, daß es einem durch Mark und Bein ging. Gewiß hätte er ihm auch vollends den Garaus gemacht, wenn er nicht, so schnell wie man eine Hand umwendet, weg gewesen wäre, man konnte keine Spur von ihm entdecken. Der Mann ging also mit vielem Kopfschütteln heim und merkte wohl, daß es bei diesem Abenteuer nicht mit rechten Dingen zugegangen sein mochte.

Folgenden Tags hörte er zufällig, daß genau seit der Stunde, wo sich dies Stücklein zugetragen, in Ilsdorf ein Mann plötzlich todeswund im Bett gefunden worden sei, für den sei wenig Hoffnung. Es seien ihm, man wisse nicht wie, beide Beine am Leibe kurz und klein zerbissen und er werde es also unmöglich mehr lange machen. Da sprach er zu sich selbst: „Kenne ich dich jetzt, du Wehrwolf? Dir ist recht geschehen; du magst nun ausfressen, was du dir eingebrockt hast!“

Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873


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