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Die Burg zu Lehrbach
Die Reste des alten Schlosses der Herren und späteren Grafen von Lehrbach, von denen viele in der hessischen Geschichte von nicht geringer Bedeutung gewesen sind, finden sich heutzutage in dem großen Garten des Hofguts daselbst und ein ehemaliger Burgkeller wird noch immer von dem Pächter benutzt. In diesem Keller ist es nicht recht geheuer und bei Nacht würde man vergeblich einem Menschen zureden, hineinzugehen. Maurer, die einmal die Sandsteinplatten des Bodens aufbrechen sollten, mussten von dieser Arbeit unverrichteter Sache wieder abstehen. Ihre Laterne wurde ihnen von unsichtbarer Gewalt ausgelöscht. Sie mochten es anfangen, wie sie wollten, stets umgab sie dichte Finsternis.
Aus dem Burgkeller heraus zur Stätte der früheren Wohngebäude sieht man alljährlich, meist gegen Abend und vornehmlich kurz vor Weihnachten, eine der alten Ritterfrauen kommen, die haben schon viele gesehen. Ein Mann, der diese Erscheinung für einen Lug hielt, passte eines Tags auf sie, und richtig! Plötzlich sah er ihre Gestalt aus dem Keller heraufsteigen. Alsbald stand sie vor ihm und schaute ihn schreckhaft an. Ganz weiß war sie nicht gekleidet, sie hatte ein schwarzes kariertes Brokatkleid an, lange Haare wallten auf ihren Rücken herab und im Gesicht selbst bemerkte er ein großes Muttermal. Sie tat ihm zwar kein Leid und verschwand auch gleich wieder, der Mann selbst aber machte, dass er davonkam und begehrte sie nicht zum zweiten Mal wiederzusehen.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
