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Im Gederner Schloss
Im Gederner Schloss ist es immer nicht ganz geheuer gewesen, das könnte man durch viele Geschichten beweisen.
Eine der alten Fürstinnen, wenn mir recht ist, Eleonore mit Namen, war noch nicht lange verheiratet, als sie beim Gehen aus ihrem Schlafgemach ein kleines Graumännchen vor sich fand, das sie mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt anblickte, stillschweigend durch das ganze Gebäude begleitete und Tag und Nacht nicht von ihrer Seite wich. Außer ihr aber blieb das Graumännchen allen anderen Menschen unsichtbar. Nach einiger Zeit fragte sie ihren Hofkaplan um Rat, was solches Ding bedeute und was sie bei diesem Abenteuer zu tun habe. Der riet ihr, sie solle sich ein Herz fassen, nach seinem Begehr fragen und wenn dieser nichts gegen Gottes Gebot in sich fasse, ihm dasselbe erfüllen. Dieser Ratschlag deuchte der Fürstin auch gut zu sein. Allein sie konnte es nie über sich gewinnen, ihn auszuführen. Also begleitete sie das Graumännchen, wie eine getreues Hündlein, auf Schritt und Tritt lange Jahre. Am Tage aber, da es wider Gewohnheit ausblieb, wurde die Fürstin plötzlich unwohl und verstarb eines jähen Todes.
Quelle: Oberhessisches Sagenbuch, Aus dem Volksmund gesammelt von Theodor Bindewald; Verlag von Heyder und Zimmer, Frankfurt a. M., 1873
